Wie so oft saß Melanie mit einer Tasse heißem Pfefferminztee auf ihrem Balkon und lauschte dem Gezwitscher der Vögel. Zumindest versuchte sie es, denn ihre Nachbarn, Mr und Mrs Cunningham, links neben ihr schlossen nie ihr Fenster, so wie jetzt auch nicht, als sie sich lautstark stritten.
„…ich habe genug von dir…“
Melanie konnte nicht alles verstehen, doch sie wusste, dass es sich um die Untreue des Ehemanns handeln musste. Denn sonst stritten sich die Cunninghams nie. Sie waren so ein perfektes Paar, das fanden alle, nur nicht Melanie. In den Augen der Cunninghams war sie eine verbitterte alte Frau und Melanie hielt die beiden für zwei klischeehafte Spießbürger, die den Stock zu weit im Arsch hatten.
„…ich brauche meinen Freiraum…“
Melanie knallte die Tasse auf den kleinen Balkontisch, sodass der Tee überschwappte. Es machte sie rasend sich wieder diese Scheiße von den beiden anhören zu müssen. Als wären sie nur allein auf der Welt.
Plötzlich vernahm sie ein Flüstern. Es kam mit dem Wind, wurde von ihm getragen und setzte sich in ihr Ohr. Melanie hörte zu und verstand. Sie verstand auf einmal alles und sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie stand auf und ging zu ihrem Kleiderschrank im Schlafzimmer. Dort unten in der Kiste, wo die Kleidung lag, welche sie aussortiert hatte, lag unten versteckt ein kleiner Revolver. Sie hatte ihn damals für Notfälle gekauft, in diesem Land wusste man nie, und das hier war ein Notfall. Sie hielt es nicht mehr aus. Selbst hier, durch die Wände, konnte sie dumpf die Stimmen vernehmen.
Ihre Haustür zitterte, als Melanie diese zuschlug und mit stapfenden Schritten zu der Tür der Cunningham rüberging. Melanie schlug mit der ganzen Faust gegen die Tür und schrie „Aufmachen!“. In der Wohnung war es still, doch das hörte Melanie nicht. Wieder klopfte sie an, bevor sie sich dazu entschloss sich gegen die Tür zu schmeißen. Mit dem Revolver schoss sie in das Schloss, warf sich nochmals gegen die Tür und knallte mitsamt dieser auf den Boden des Flurs der Cunninghams.
Hier konnte sie die Stimmen deutlicher hören. Unglaublich, sie streiten immer noch unberührt weiter, obwohl ich gerade ihre Scheißtür zerstört habe, dachte Melanie. Ihr Gesicht hatte sich zu einer wutverzerrten Fratze verzogen.
„Wo seid ihr?“, brüllte sie.
Sie folgte den Stimmen und ging ins Wohnzimmer. Dort stand das streitende Ehepaar, das Melanie gar nicht zu bemerken schien.
„Hey“, schrie Melanie, doch es kam keine Reaktion. Dass da eigentlich niemand stand, sah Melanie nicht.
Sie hob den Revolver und schoss Mrs Cunningham in den Kopf. Befriedigung durchflutete sie, als sie den Körper auf den Boden fallen sah. Sie blickte zu Mr Cunningham, der keine Reaktion zeigte. Komisch, dachte Melanie, dann schoss sie auch ihm in den Kopf. Die Polizeisirenen hörte Melanie nicht, als sie die Waffe gegen sich selbst richtete.
© Johanna Heuck 2022-08-29