Menschenschmied

Tim Arnold

by Tim Arnold

Story

Eine Niere hier, ein Arm dort. Den zweiten gleich noch dazu. Azimov ging wie jeden Tag seiner Leidenschaft, seiner Bestimmung, nach. Sorgfältig presste er die Extremitäten an den sonst leeren Torso und nähte sie sorgsam an, dass sie ihre Position hielten. Arme und Beine, bleich wie Kerzenwachs, waren so frisch, dass ihr Essiggeruch noch immer den Raum ausfüllte. Als Menschenschmied galt er als hoch angesehen. Seine Aufgabe war es, zusammen mit anderen seiner Zunft, die Körper von Menschen zu formen, zu gestalten und zu schmieden, bevor das Leben in sie einfahren würde und sie das Licht der Welt erblickten. Doch das natürlich alles nur, wenn der Preis stimmte.

Mit jedem neuen Exemplar gab Azimov sich allergrößte Mühe, dass sowohl die Kunden, als auch sie selbst, hoffentlich zufrieden sein mögen, wenn sie nach einigen Jahren vollständig in ihren Körper hineingewachsen waren. Aus diesem Grund enthielt jeder seiner Schmiedeschläge all sein Herzblut. Ein Schlag hier, drei dort. Wirbelsäule und Kopf benötigten häufig mehr Hiebe als andere Teile. Das Einsetzen der Gefäße bereitete ihm trotz seiner hunderte Jahre langen Erfahrung jedes Mal aufs Neue Kopfzerbrechen. Er musste mit größter Sorgfalt vorgehen, dass auch alles am richtigen Platz war und ja nicht abgequetscht wurde. Gott sei Dank hatte er diese mühselige Arbeit gestern schon durchgeführt.

Sein aktuelles Projekt war der Körper eines Mädchens. Entspannt ging er rüber zu seinem hölzernen Regal und entnahm einige haltbar gemachte Organe, die er ebenfalls gestern schon vorbereitete. Azimov griff zu seinem Lieblingshammer, nicht größer als seine Hand, und nahm vorsichtig den rechten Arm. Er schlug behutsam, aber kräftig gegen die Handflächen. Das perfekte Maß für einen Hammerschlag zu finden, war eine Kunst für sich. Ein goldener Schimmer umschloss Arm und Torso und konzentrierte sich um die Naht herum. Nach wenigen Sekunden blieb ein Arm, der schon immer zum Rest des Körpers hätte gehören können.

Azimov wiederholte dies für die weiteren Körperteile. Als die Einzelteile einige Minuten später an den Rest des Körpers gebunden waren, setzte er die Organe ein. Er begann mit der Lunge, ging dann über zum Herz und machte sich schließlich an Milz und Nieren. Für diese Millimeter Arbeit war größte Sorgfalt notwendig. Ihm liefen Schweißperlen die Stirn hinab, während er präzise Hiebe im inneren des Körpers ausführte.

Nach vier Stunden war seine Arbeit getan und der Körper war vollständig. Azimov saß am anderen Ende des Raums und zog an seiner Pfeife. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Magie ihren Lauf nahm und das Mädchen die Augen öffnen würde. Wie lange es dauerte, konnte niemand sagen. Für gewöhnlich sind die Exemplare verängstigt und verwirrt, weshalb immer jemand in der Werkstatt sein sollte, bis es soweit war. Er nahm einen weiteren Zug von seiner Pfeife und wartete geduldig, bis er ihre erste Bewegung wahrnehmen und seine Arbeit begutachten konnte.

© Tim Arnold 2022-05-20

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