Motzig und maulig und unfassbar glücklich

Kera Rachel Cook

by Kera Rachel Cook

Story

Ich könnte heulen, die ganze Zeit nur heulen. Wer ist bloß auf die bescheuerte Idee gekommen, um 5 Uhr aufzustehen? Und das alles nur für einen lausigen Sonnenaufgang. Ich bin so müde, ich schaffe es kaum, meine Hose anzuziehen. Hättest du nicht schon die Ananas aufgeschnitten und den Picknick-Korb gepackt, mich würden keine zehn Pferde aus dem warmen Bett kriegen.

Motzig und maulig schleppe ich mich die Treppen runter, den Weg zum Auto entlang. Motzig und maulig sitze ich auf dem Beifahrersitz, will von der Welt nichts wissen. In diesem Moment kann mich nicht mal der wunderschöne Himmel, der sich allmählich rosa zu färben beginnt, aus meinen trüben Gedanken reißen.

Den ganzen Weg zum Strand über schweigen wir uns an. Ich habe nichts zu sagen. Viel zu früh. Ich merke immer wieder, wie du mir vorsichtig einen Blick zuwirfst. Aber ich bin motzig. Und maulig, falls ich es noch nicht erwähnt habe. Und du bist schuld, dass ich so früh aufstehen musste. Also starre ich lieber weiter stur geradeaus.

Als wir am Strand ankommen und ich aus dem Wagen aussteige, bläst mir der Wind frische Nordseeluft um die Nase und trägt ein bisschen Motzigkeit mit sich davon. Wir steigen die Stufen zum Damm hinauf. Ein Heer an Möwen begrüßt uns an einem ansonsten vollkommen leeren Strand. Die ersten Sonnenstrahlen tasten sich über das Watt, spiegeln sich in den kleinen Pfützen, die die Ebbe zurückgelassen hat. Ich atme tief ein. Die kühle Morgenluft hält den Nebel in meinem Kopf zumindest ein wenig in Schach. Eigentlich ist es doch ganz schön hier, wenn ich genauer darüber nachdenke.

Wir suchen uns einen Platz zwischen den verlassenen Strandkörben und breiten unsere Picknick-Decke aus. Nach Essen ist mir trotzdem immer noch nicht zumute. Aber wenigstens gelingt es mir allmählich, ein bisschen was von meiner Morgenmuffeligkeit abzustreifen. Mit einem Mal tut es mir unglaublich leid, wie garstig ich zu dir gewesen bin.

Wir setzen uns auf die Decke. Ich lehne mich zurück an deine Brust, deine Arme hast du fest um mich geschlungen. Du beginnst, über unserer Beziehung zu sprechen, wie schön unsere gemeinsamen 15 Monate doch gewesen seien. Ich bin dir unglaublich dankbar. Die letzten Tage und Wochen waren nicht einfach für mich. Deine liebevollen Worte sind Balsam für meine Seele.

Ein Gedanke huscht durch meinen Kopf: ‚Eigentlich müsstest du dir diese Worte unbedingt merken, wenn du mir irgendwann mal einen Antrag machen wollen solltest.‘

Du löst dich aus der Umarmung. Hey, nicht weggehen. Hier bleiben!

Du kniest dich neben mich hin, beginnst in deiner Hosentasche zu kramen. Überrascht blicke ich dich an. Mein Herz macht einen riesengroßen Hüpfer, einen Purzelbaum gleich hinterher. Du wirst doch nicht etwa …

„Willst du meine Frau werden?“

(September 2016)

© Kera Rachel Cook 2022-08-29

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