Mit jedem Wort, das ich schreibe, gebe ich ein kleines bisschen mehr von mir preis. Ich lasse meine Schutzhülle, unter der so einiges wunderbar kaschiert werden kann, Stück für Stück fallen, bis ich schließlich völlig entblößt bin. Das ist mein Weg zu mir. Dellen und Narben meines inneren Ichs kommen zum Vorschein. Dellen und Narben, die auch mein äußeres Ich charakterisieren. So bin ich. Doch das, was für die eine ein unliebsames Fettpölsterchen ist, ist für den anderen erotische Nutzfläche. Über manche meiner Schönheitsfehler kann ich gut lachen. Andere ziehen immer wieder meinen Blick auf sich. Diese Unvollkommenheiten würde ich gerne beseitigen. Geht aber nicht. Die muss ich genauso nehmen wie den Rest auch.
Mit dem Schreiben gewähre ich Zugang in meine Gedankenwelt. Ich bekenne mich zu mir und meiner Geschichte. Das macht angreifbar. Ich werde verwundbar. Bei meiner ersten eigenen Lesung am 13. August 2020 stellte ich fest, dass dieser Seelen-Striptease eine Steigerungsstufe hat. Im Rahmen eines Gartenkonzerts mit Flöte und Gitarre durfte ich einige meiner Geschichten vorlesen. Es war trotz oder wegen des Regens ein sehr gelungener und stimmiger Abend. Wunderbare Musikstücke, gespielt von zwei einzigartigen Musikerinnen, erhellten den abendlichen Himmel. Dazwischen trug ich meine Texte vor. Doch mit einem Mal bekamen die Worte, die andernfalls bloß unpersonifiziert irgendwo im Netz hängen, einen Mund, aus dem sie kamen. Ein Gesicht, ein ganzer Mensch kam plötzlich hinter dem Text zum Vorschein. Meine Stimme wurde Teil des Geschriebenen. Verstecken wurde unmöglich. Ich gestehe: Ich war nervös. Es verlangte mir Mut ab. Und es war einfach gut!
Warum schreibe ich? Warum setze ich mein Inneres der Allgemeinheit aus?
Zum einen ist es die unbändige Leidenschaft, das Kribbeln im ganzen Körper, wenn eine Geschichte in mir heranreift und darauf wartet, endlich schriftlich festgehalten zu werden. Andererseits ist es vielleicht wie Frieden schließen mit mir selbst. Ich bin, wie ich bin. Ob ich mich darüber freue oder damit hadere, ändert daran nichts. An Kleinigkeiten kann ich möglicherweise herumfeilen, nicht jedoch am großen Ganzen. Das gilt für uns alle. Keiner ist besser, als er ist. Das ist gut so. Das macht uns alle zu Menschen. Jeder ist genau so richtig, wie er ist. Ich will zu mir stehen können und glücklich darüber sein können, wer ich bin. Diesen Weg zu mir möchte ich gehen. Mit jeder Geschichte setze ich einen weiteren Schritt.
Ich freue mich über jeden, den ich mit meinen Worten erreiche. Meine Texte sollen unterhalten, berühren, wachrütteln, bestärken, guttun.
Nimm mich, wie ich bin, oder lass es bleiben. Jemand anderer als ich selber kann ich nicht sein. Mich gibt es dafür echt und hüllenlos.
© Teresa Kaiser-Schaffer 2020-08-17