Österreich als Österreicherin

AnnaSophie Weisz

by AnnaSophie Weisz

Story
Österreich 2023

Ich denke, wer in Österreich bleibt, der muss enorm sicherheitsbedürftig sein,
denn aus Liebe zum Land bleibt niemand.
Es ist nicht atemberaubend schön, die Menschen sind nicht unvergesslich nett,
die Politik nicht ungeheuer stabil, eher ungeheuer alt, denn alte Männer sitzen an den Schalthebeln der Macht, doch man hat auch nur die Wahl zwischen toleranten, verantwortungsbewussten alten Männern und den anderen alten Männern, die gegen alles und jeden sind.
Kein Frischfleisch bringt freiwillig frischen Wind, denn man kann nichts durchsetzen,
die Adoleszenz weiß das und handelt bewusst ignorant, meidend.
Man geht lieber weg, als zu scheitern, man flüchtet aus den Land, in das alle flüchten.
Die Einwohneranzahl steigt trotzdem, wie die Inflation,
doch es fühlt sich so an, als würden mich meine Wurzeln stoppen,
mein Erbe bremst mich aus, kettet mich nieder.
Alles, was Österreich einmal hat, wird niedergekettet,
in die Wurzeln aufgenommen, in der Euphorie der Entwicklung begraben liegen veraltete Systeme, die nach Veränderung schreien,
doch es hört sie niemand unter dem Erdboden, dem Nährboden der Kultur.
Die klassische Musik dröhnt mich zu, Mozartkugeln sind bekannter als Mozart, meine Ohren bluten, denn ich bin nicht taub wie Beethoven. Die Wiener Linien gehören Asien, das Glücksspielmonopol wurde verspielt, doch die Sozialleistungen scheinen vernünftig. Für vernünftige Menschen, die trotz Burnout alt werden wollen, die den Verfall des Alters im Altersheim von Europa verbringen wollen, sie bleiben in Österreich, sie bleiben die Qual der jungen Menschen in Österreich.
Niemanden hält etwas, nur die Angst vor dem Scheitern, in Österreich darf man kein Risiko eingehen, und die Angst vor dem Alter, denn man stirbt gerne reich, ohne je gelebt zu haben.
Alles wird auf die Pension verschoben, erst im Alter gewinnt man an Wert, in der Jugend ausgebeutet, im Alter gewürdigt, ewig am Leben gehalten, ans Leben genauso gefesselt, wie an konservatives Gedankengut.
Der natürliche Verlauf des natürlichen Endes wird gestoppt, durch die Beatmungsgeräte kurz vorm ersten dreistelligen Geburtstag, von dem man sich wünscht, ihn nicht zu erleben. Man bleibt in Österreich, weil man gut versichert ist, weil man gerne Schnitzel isst,
wegen des Gratis-Wlan in öffentlichen Verkehrsmitteln, weil man sich am liebsten zu Tode planen würde, nicht, weil man sich geborgen fühlt, nicht, weil man es liebt.
Solange man denkt, wird man den Anforderungen des perfekten österreichischen Menschen nicht genügen.
In Österreich wehrt man sich gegen Ausländer, obwohl das Hauptnahrungsmittel Kebap ist,
die russischen Vodkaflaschen liegen auf den Bahngleisen, der billige, eingeschmuggelte Tabak, man lebt hier angepasst, um sich der Struktur zu unterwerfen, um keinen Mut sammeln zu müssen, denn man wird es nicht ändern, daher muss man es sich schönreden.
Man lebt hier, wenn man Zahlen liebt,man unterwirft sich gerne, man kann nicht auffallen,
man muss gehen, um aufzufallen. Man muss gehen, um zu gefallen,
denn man gefällt hier nicht, man gedeiht nicht,
die Vielfalt des Liberalismus fehlt,
man verfällt, bis man fällt.

© AnnaSophie Weisz 2023-08-30

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Travel
Moods
Dunkel, Emotional, Informativ, Reflektierend
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