Punschkrapferl mit Anchovis

Beate Schilcher

by Beate Schilcher

Story
Lawrence, Kansas. Wien. Die Welt 1925 – 1998

Hommage an Victor Papanek (1925–1998)

Wien, 29.7.1997: „Lieber Victor, … bzgl. Ordensantrag: Es gibt noch ein Mysterium aufzuklären. Verrätst du dein Geburtsdatum? Wir müssten sonst wildesten Spekulationen nachhängen, oder gar etwas erfinden … Auf bald, Beate“

Lawrence, Kansas, 30.7.1997: „Liebe Beate, … I looked it up in Who’s Who In America und der 22.November 1925 wird dort angegeben. Das ist dasselbe Datum, das auch in Contemporary Designers (1997) erwähnt wird. In anderen BĂĽchern heiĂźt es manchmal 22.Nov.1926 … Ich weiss, dass der 22.November stimmen muss, since every year on my birthday there are television programmes showing the assassination of President Kennedy. If we accept 1925, then the whole thing becomes ridiculous: It would mean that I am now 71 and will be 72 years old on the day you arrive. My friends tell me I look as if I was in my early fifties, I feel as if I was about 42, I work & play as if I were about 35, and there are times (…) when I act & think like a 20-year old. (…) Also irgendetwas stimmt da nicht. Jedenfalls habe ich jetzt auch meinen FĂĽhrerschein betrachtet & da steht 22.Nov.2025, also sollten wir das Datum ernst nehmen. (Who the hell is Ernst? Never mind). All the best, … Dein Victor“

Wien, 16.3.2026: „Lieber Victor, du bist wohl unterwegs – jetzt, wo du endlich wieder fliegen darfst, ohne Sauerstoffflasche. Mittlerweile wissen wir: Du warst ein enorm bedeutender Ă–sterreicher. Blöd, dass wir deinen Orden verschludert haben. Und die StraĂźen-Widmung. Sorry auch, dass wir dir zwar einen Lehrauftrag angetragen, aber weder Reise- noch Hotelkosten ĂĽbernommen haben. Danke, dass wir trotzdem deinen Nachlass gekriegt haben. – Dir zu Ehren habe ich heute ein Punschkrapferl verzehrt. Hattest du Schluckauf? I miss your „black optimism“ und dein untrĂĽgliches GespĂĽr fĂĽr das Wahre und Richtige. See you. Deine Beate – P.S.: Wikipedia macht dich 2 Jahre älter. Stört dich das nicht?“

Ich verdanke ihm viel. Er hat mir das Sehen beigebracht. Und: mit dem ganzen Körper zu denken, und: die ausgetretenen Pfade zu meiden. Unsere Freundschaft hat meinen Lebensweg geformt und meine Seele beschenkt. Seine Mission: Der Mensch als Mass, nicht der Konsumwahn. In der Einleitung zu seinem revolutionären Buch Design For The Real World schreibt er: „Es gibt schädlichere Berufe als den des Industrial Designers, allerdings nur wenige.“ Mit ihm hat alles begonnen, was sich seit den 1970ern Ă–kodesign nennt. 1939 aus Wien ausgewandert, wurde er viermal fĂĽr den alternativen Nobelpreis vorgeschlagen. Bis zuletzt hat der Visionär und leidenschaftliche Lehrer Student*innen in seinem Haus unterrichtet. Die Verleihung des GroĂźen Silbernen Ehrenzeichens, das ihm 1997 zuerkannt worden war und ihm viel bedeutete, hat er nicht mehr erlebt. Zu langer Behördenweg. Posthum wird nicht verliehen. DafĂĽr verwaltet das MAK Wien heute den Papanek-Nachlass. – Ab 1992 haben wir korrespondiert. Ich bin die letzte Ă–sterreicherin, die ihn in Lawrence, Kansas, wo er an der Universität Professor auf Lebenszeit war, besucht hat – wenige Wochen vor seinem Tod. Am 22.Nov.1997 haben wir Victors 72er gemeinsam mit Tochter Niki Papanek gefeiert, traditionelles Chickenschnitzel with Anchovis, Lemon & Capers inklusive. Victor war happy, trotz Wirbelbruch und Lungenemphysem. Zum Dessert gab es Punschkrapferl aus Wien. Der Rest steht auf Wikipedia.

© Beate Schilcher 2026-03-16

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