Schnittlauchbrot

Doris Neidl

by Doris Neidl

Story

Wenn heutzutage ein anerkannter Journalist ein Schnittlauchbrot postet, dann bekommt er dafür zweitausend Likes, weil das ist so innovativ. So etwas zählt fast schon zum sogenannten Aufdeckerjournalismus.

Als die Rosi noch klein(er) war und gerade in der Kellnerinnenphase, fragte sie mich einmal, was ich zum Abendessen wolle und ich wollte ein Schnittlauchbrot. Sie hat es auf ihrem Zetterl notiert und ist in die Küche gegangen. Dort hat sie herumgekramt und dann traurigen Blicks verkündet, dass sie leider keinen Schnittlauch hätte. „Okay“, habe ich gesagt, „dann bitte ein Schnittlauchbrot ohne Schnittlauch.” Seither essen wir Schnittlauchbrote meistens ohne Schnittlauch.

Neulich, als ich bei meinen Eltern war und den Kühlschrank aufmachte, war dort gähnende Leere. Ich meine, verglichen damit, wie er war, als mein Vater noch da war. Da gab es dann Neuburger, Schinken, Grießpudding von Landliebe, verschiedene Aufstriche, Kefir, normale Milch. Im Depot war viel Schokolade und mindestens ein Briochezopf. Bei meiner Mutter nur Schafmilch und irgendein Biohummus, vielleicht ein paar trockene Haferkekserln. „Ich muss sagen”, sagte ich zu ihr, „die Haushaltsführung ist, seit der Vati nicht mehr hier ist, unterm Hund.” Dann fuhr ich einkaufen und kaufte alles, was er eingekauft hätte. Ich will, dass er das hat, was er gerne isst, dort, wo er jetzt vielleicht ist. Dass Kefir einen zum Heulen bringt, war mir neu.

Also neulich, Kühlschrank leer, dachte ich mir, mache ich halt ein Schnittlauchbrot, weil es im Garten viel Schnittlauch gibt. Als ich beginnen wollte, mir mein Brot herzurichten, kam meine Mutter und erklärte mir, dass es eine neue Schnittlauchbrotbelegtechnik gebe, die sie bei irgendeinem Fernsehkoch gesehen hätte. „So ein Blödsinn”, sagte ich, „was soll man da besonderes machen! Ich mache es einfach normal.” Daraufhin wurde sie wütend und sagte, ich ließe mir nie etwas sagen, das hätte ich vom Vati und ich sei beratungsresistent, das sagen ja einige Leute, sogar der Workshop-Leiter meines Schreibkurses. Leider habe ich ihr erzählt, dass der das wirklich gesagt hat und dass er am liebsten ein Dramolett darüber schreiben möchte.

Ich habe mir dann das Brot normal belegt und es im Garten gegessen. Da ist meine Mutter ebenfalls mit einem Schnittlauchbrot herausgekommen. Das Schnittlauchbrot hat wirklich wunderschön ausgeschaut, total regelmäßig, nicht so gewöhnlich wie bei mir. Das musste ich ehrlich zugeben.

„Wow, wie hast du das gemacht? Das ist wirklich schön geworden”, sagte ich. „Sag ich dir nicht!” Sie biss genüsslich ab.

© Doris Neidl 2022-07-13