Sehr teure Schuhe

dorisDadiva

by dorisDadiva

Story

Nachdem das Telefonat beendet war, ließ ich einen langen, sehr lauten, sehr wütenden Schrei los. Von Salzburg bis Wien sollte er zu hören sein, bis hinein in den Pavillon 23 des Otto-Wagner-Spitals. Steinhof. „Er lässt Ihnen ausrichten, er sei unschuldig.“ Sie hatte zuerst nicht sagen wollen, von wo aus sie anruft. „Abteilung für forensische Akutpsychologie.“ „Hä?“ „Zu uns kommen Leute, die sich etwas zuschulden kommen haben lassen.“ Psychologie? Forensik? „Was hat er sich denn zuschulden kommen lassen?“ „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“ Klick. Dann der Schrei. Ich rannte die Treppen meines Elternhauses hinunter, wo ich gerade zu Besuch war. Hinaus zur Haustür und auf mein Fahrrad. Radelte los, die Salzach entlang. Ich hatte so eine Wut im Bauch, die hätte mich wahrscheinlich in einem durch bis Wien radeln lassen, um ihm eigenhändig den Hals umzudrehen. Noch wusste ich nicht, was überhaupt passiert war. Mein Noch-Ehemann war in Haft. So viel hatte ich verstanden. Wie er es nach Steinhof geschafft hatte, erfuhr ich später. Dass er einer Frau in der Wiener Innenstadt die Handtasche weggerissen hatte. Dass ihn Passanten festgehalten hatten. Dass er auf der Wachstube einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte und dann nach Steinhof gekommen war.

Wir waren oft da oben spazieren gewesen, früher. Mit dem 48A hinauf, da hatte er noch in Ottakring gewohnt und ich im Neunzehnten. „Ich habe einen total netten Typen kennen gelernt“, hatte meine Freundin am Telefon gesagt. „Er ist Kellner im Aux Gazelles und sowas von hübsch. Wir treffen uns in der Toulouse-Lautrec-Ausstellung. Sein Freund kommt auch. Er redet viel, aber er ist nett.“ Der Freund wurde mein Mann, anderthalb Jahre später, da waren die beiden anderen schon längst verheiratet. Nach Toulouse-Lautrec kauften wir Fleisch und Wein ein. Die Jungs kochten für uns. Er: dunkelbraune Augen, eine kleine runde Glatze am Hinterkopf. Schwarze Lederjacke. Student aus Sousse. Nach einem halben Jahr zog er bei mir ein. Wir übersiedelten nach Gersthof. Mit der Zeit wurde er immer schweigsamer, sprach tagelang nicht. Wir stritten viel. „Du machst alles kaputt“, sagte ich ihm, da war eigentlich schon nichts mehr zu retten. Nachdem er volle zwei Wochen geschwiegen hatte, ging ich. Zog wieder in den Neunzehnten. Dann nach Deutschland und zurück nach Wien. „Bei mir ist ein Zimmer frei, du kannst hier wohnen.“ Gleich nach dem Umzug fuhr ich nach Salzburg. Er hatte immer Geldprobleme. Schwierige Kindheit. Das Gefühl, ewig ein Opfer zu sein. „Er lässt Ihnen ausrichten, er sei unschuldig.“ Jetzt war er selbst ein Täter.

In der Salzburger Innenstadt stieg ich ab. Mein Ehemann saß im Knast, und in der Getreidegasse waren lauter fröhliche Touristen unterwegs. Ich ging in einen Schuhladen und kaufte mir die teuersten Schuhe meines Lebens. Danach fühlte ich mich besser. Wahrscheinlich bringen nur deshalb so wenige Frauen ihre Männer um, weil sie sich stattdessen lieber Schuhe kaufen.

© dorisDadiva 2019-10-20

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