Steinwelt – Scheinwelt

Alina Linde

by Alina Linde

Story

Pjotr hatte immer schon Steine gemocht. So wie seine eigentlich ganz nette Ulja-Freundin, die stundenlang vor einem großen Stein sitzen, all seine Schichten studieren und sich ausmalen konnte, was sie wohl erzählten. Etwa so: “Es war ein heißer Tag gewesen. So heiß, dass sogar die Dinosaurierkinder nur noch schläfrig im tiefen Gras lagen und träge vor sich hin dösten. Doch plötzlich: Was war das denn? Ein komisches Geräusch, ein Schatten. Aber das war doch … eine Maus oder ein kleines Siebenschläfermädchen, das durch das Steppengras fetzte …” “Gab es das denn damals schon, Ulja?” “Stör’ mich nicht dauernd … krrch …” Pjotrs Interesse ist halt immer schon eher wissenschaftlich gewesen: sammeln, bestimmen, ordnen … Und das in großem Umfang. Wenn schon, dann richtig! “Schon als kleines Kind wollte er immer ganze Steinmassen mit nach Hause nehmen”, erzählte mir einmal (seine) Mama. “Aber ich habe immer mein Veto eingelegt. So konnte ich wenigstens das Schlimmste verhindern.” Wenn die Arme gewusst hätte … hat sich doch Pjotr trotz des Widerstandes im Laufe der Zeit eine ganze Sammlung zugelegt. Heimlich und versteckt natürlich. Als sie klein war in Schachteln. Später in den Regalen hinter den Büchern. So waren all die Steine für argwöhnische Mutteraugen unsichtbar gewesen und jeder Stein hatte gleich seinen Codenamen bekommen, den nur wir beide kannten. Was für ein Glück, dass in der Familie nicht gelesen wurde! Und was für ein Problem, wenn im Frühjahr und Herbst der große Teppich gegen die Winterkälte zusammengerollt oder neu verlegt wurde! Eine Staatsaktion. Alle Regale mussten abgebaut und später mit oder ohne Berber wieder aufgebaut werden. Teppichumzugtage. Eine Tagesarbeit. “Mama – Uljana und ich machen das schon. Ihr könnt ruhig aufs Land oder zum Baden fahren.” Nun ja. Und Ulja war von ihrem Freund selbstverständlich ungefragt zwangsverpflichtet worden. Ganz logisch. Immerhin war ich es ja gewesen, die auf diese Idee mit dem Regalversteck gekommen war. “Mama, ich komme heute erst spät am Abend. Ich helfe Pjotr beim Bücherumräumen.” “Dauert das so lange?” “Ja, wenn du wüsstest …” Ein Tag voller Chaos aus Büchern, Regalteilen, Teppich und Steinen, die alle rechtzeitig an ihren Platz zurückwollten. Abends bin ich dann ganz aufgedreht nach Hause gekommen. Ja, diese Büchersteine. Ich konnte minutenlang vor einem Regal stehen, ein Buch betrachten, mir von Pjotr etwas über irgendeinen unsichtbaren Stein erklären lassen oder mir eine Geschichte ausdenken und sie Pjotr erzählen. Für Außenstehende muss es dann wirklich ein lustiges Bild gewesen sein, wenn wir vor einem bestimmten Buch, etwa Tolstojs Erzählungen (‚Wofür wir leben’), standen und über einen Stein diskutierten. Arme Mama. Sie wird vermutlich gemeint haben, diese Freundin ihres Sohnes sei nicht ganz normal im Kopf. Wahrscheinlich war sie dann heilsfroh, als wenig später deren vernünftigere Schwester an ihre Stelle trat, die Pjotr nur ab und an einen schönen Stein schenkte (den sie selbst übrigens vorher bei ihrer blöden Zwillingsschwester eintauschte, zum Beispiel gegen ein Mal Abspülen!) und artig eine Geschichte zu diesem Stein erzählte. Das war richtig nett. Und der Stein verschwand ja ohnehin bald wieder. Irgendwohin. Im nächsten Herbst müsste man halt Ulja reaktivieren …

© Alina Linde 2025-07-10

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Novels & Stories
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