by IDee
Tante Lilly war die Erbtante in der Familie meiner Freundin Chrissy. Eine verschrobene alte Dame mit Stock. In der Straßenbahn machte sie unmissverständlich klar, dass die Füße nicht auf den Sitz gehörten. Folgte man dieser Anweisung nicht, sprach der Stock. Einmal holten wir sie an der Haltestelle ab. Sie stieg aus, die Bahn fuhr an. „Oh, ich habe vergessen zu bezahlen!“, meinte Lilly drehte sich um, rannte mit dem Stock schwingend der Bahn hinterher. „Ich habe noch nicht bezahlt!“ Irgendwann gab sie auf, wir brachten die verzweifelte Dame zu Chrissis Eltern. Bei Kaffee und Kuchen sowie einem Likörchen erholte sie sich.
Chrissis Vater bastelte gerne an seinem Auto herum. Es sollte ja fertig werden, da er Lilly abends wieder nach Hause fahren wollte. Unter ständigem mosern und fluchen, weil sein Sohn, der immerhin eine Ausbildung zum Automechaniker machte, nicht half, schraubte und hämmerte er an seinem Bully herum. Wir standen einfach nur herum, als würden wir auf etwas warten. „Willst du auch ein Eis?“, fragte Chrissy, ich nickte nur. Sie machte einen Schritt auf die Straße gleich hinter den Transporter des Vaters. Urplötzlich ertönte ein Knall, eine riesige Rußwolke hüllte Chrissy ein, die entsetzt auf ihren weißen Rock sah. „Na endlich!“, hörten wir ihren Vater, „läuft die Kiste wieder. Was stehst du denn da so rum Kind?“ Chrissy schnappte nach Luft. Ich sah sie an und sagte: „Ich glaube, du musst duschen.“ Indes werkelte der Vater munter weiter. Er baute die Sitzbänke aus, trug einen Tisch und Stühle in das Auto. Man hörte ihn hämmern und schrauben. Gardinen machte er vor die Fenster, er zog sie auf und zu.
Tante Lilly und die frisch geduschte Chrissy kamen aus dem Haus. „Ah, musst du schon wieder los, Lilly?“, fragte der Vater, „Komm nur rüber ich fahre dich zurück, dann brauchst du nicht mit der Bahn und es geht auch schneller.“ Tante Lilly trat über die Straße. Er öffnete den Bully. „Oh, wie schön. Das ist ja allerliebst und sogar frische Blumen auf dem Tisch.“ „Ja Tante Lilly, mach es dir nur bequem. Am besten auf dem Stuhl mit den Lehnen.“ Er half ihr ins Auto, sie nahm Platz. Er setzte sich an Steuer, startete den Motor und unter knallenden Geräuschen und Rußwolken fuhr er von dannen.
Spät am Abend, wir hatten schon gegessen, kam Chrissy noch einmal zu mir. „Du glaubst es nicht! Die Lilly kommt wahrscheinlich nie mehr zu uns.“ Sie grinste. „Aha, warum?“ „Stell dir vor, mein Vater hat eine Kurve zu scharf genommen und der Tisch sowie die Stühle kippten um und die Blumenvase ergoß sich über Lillys Kopf.“ Sie prustet los und schlug sich auf die Schenkel, mein Unterkiefer entgleiste nach unten.
© IDee 2021-07-29