Tausendundein Garten

Pointillisma

by Pointillisma

Story

Ich bin ein Samenkorn, unscheinbar, mandelförmig, wenige Millimeter groß. Helle erhabene Linien laufen längs von Spitze zu Spitze. Ich liege in einem Glas mit unzähligen meiner Art.

„Kümmel“, sagt die Frau, und streut meinesgleichen auf den Brotteig in der irdenen Form, ein paar Körner ins Erdäpfelgulasch und einige wenige in einen Mörser, wo die sie zerrieben werden zu feinem Pulver. Ihr Geruch steigt in die Küchenluft und verpufft.

Ich aber weiß, dass in mir ein Keim ruht, der wachsen kann. In mir schläft eine Pflanze, grün und fedrig, mit weißen zarten Blüten, die ganz anders duften als das Samenkorn. Und ich träume mir tausendundeinen Garten, in dem ich meine Wurzeln schlagen könnte: Einen Wiesengarten mit bunten Wildblumen, einen Labyrinthgarten mit streng geometrisch geschnittenen Wänden aus Liguster und Eiben. Eine Oase in der Wüste, aus der die Dattelpalmen ragen, hohe Säulen, unnahbar. Ein Feld mit unendlich vielen Kümmelpflanzen, traktorgesät. Einen Gemüsegarten mit blitzgrünen Salatpflanzen und Ochsenherztomaten, Bohnenstauden, Karotten, und blauen Körnern Schneckentod. Einen romantischen Rosengarten mit einem fake-griechischen Tempel in der Mitte. Einen Terassengarten aus winterharten Kübelpflanzen, einen japanischen, landschaftlich fein abgestimmten Kirschbaumhain mit einem Teich in der Mitte.

Überall dort könnte ich wachsen. Ich sehe mich im Freien, unter Sonne und Regen, eine wilde, starke Pflanze.

Die Frauenhand nimmt mich, und steckt mich in die Erde. Jeden Tag wird die Erde warm von Sonne und angefeuchtet mit Wasser.

Solange ich noch gefangen bin, ein Spross im Inneren des Kümmelkorns, träume ich vom Gartenleben. Dann, als die erste Wurzel die Hülle durchbricht, sich zart weiter tastet durch die schwarzen Erdknöllchen, merke ich: Da ist eine Grenze im Erdreich, die ich nicht durchdringen kann.

Die ersten Blättchen schauen aus dem Dunkel hervor, und ich komme an in der bitteren Realität: Neben mir Basilikum, Petersilie und eine Salbeistaude. Kein Garten weit und breit. Eine Topfpflanze bin ich! Auf einer schnöden Fensterbank.

Trotzdem wachse ich wie besessen. Denn sind die Blätter erst einmal an der Sonne, dann gibt es kein Halten mehr. Ich will mein Grün ausbreiten, blühen, Samen tragen.

Wer weiß vielleicht, wenn ich den Topf ganz ausfülle, wenn ich größer werde, als es die Fensterbank tragen kann, vielleicht wird dann mein Traum wahr, und jemand wird mich hinaustragen in die Sonne: Ein Garten, das wäre mein Paradies!

© Pointillisma 2021-04-12

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