Über das Leben des Staubes

Tristi

by Tristi

Story

Staub. Staub sein. Staub sein müssen.

Die ersten Luftströme des Seins, warm und behutsam, sind mir als Fürsorger in Erinnerung geblieben. Liebevoll wurde ich damals zu Boden getragen und unter der Obhut eines Möbels, das viel sichere Dunkelheit gebar, gelassen. Doch auskosten durfte ich meine Unschuld nicht, denn mit der Ankunft weiterer Gleichartigen, die auch abgerieben wurden, verbreiteten sich schreckliche Gerüchte, wonach es Einzelne gab, die außerhalb, im sogenannten Freien, freigesetzt wurden, und somit für immer als verschollen galten.

Dass Glück und Zufall bestimmen, was wird, ist Tatsache, selbst für den Hartnäckigsten des Hier und Jetzt. Dass sowohl der Reiche als auch der Hungernde, obgleich in unterschiedlichen Tönen und Ausdrucksweisen, selbige Providenz anbeten, ist Beweis genug dafür, wobei derjenige korrekt handelt, der Obiges im Tagtäglichen zu verschleiern weiß. Hätten wir nämlich ständig über unser Verwesen nachgedacht, anstatt zunächst Haare und Fasern, um darauf Gesteinskörnchen und Pflanzenteile, zu sammeln, wären wir nie fortgekommen, eine Gegebenheit, die jetzt, in einer Ecke gefangen und ausgesetzt, gleich tragisch und notwendig erscheint.

Ich war beflissen im Handeln und geneigt im Leben und errang dadurch die Stelle eines Gruppenführers. Wilde Parasiten, die uns zunächst überrollten und ausplünderten, wurden mit der Zeit domestiziert und für Selbstzwecke ausgeschöpft. Wagte etwas Größeres, eine Fliege etwa, näherzukommen, so blähten wir uns auf, und wenn dies nicht reichte, so waren die Tapfersten unter uns bereit, sich an den Augen des Angreifenden festzuklammern.

Um unser reichliches Handeln und Heranwachsen zu schützen, machten wir von den Luftströmen gebrauch, und segelten, nicht ohne Kummer, vom Möbel fort. Die Decke des Bettes, diese unheimliche Wildnis, hatte mich schon als Elementarteilchen verleitet, doch jetzt, als Patron, der für eine Gemeinschaft zuständig war, wagte ich mich nur mit äußerster Delikatesse voran. Die Parasiten zogen ständig an den Riemen und wussten vermutlich intuitiv, dass wir unser Natursein durch zu viel Bürgertum verspielt hatten. In der Mitte angelangt, sahen wir uns Winden ausgesetzt, die uns erbarmungslos quälten. Was danach folgte, soll kurzgefasst wiedergegeben werden.

Zunächst brach der östliche Bezirk los, von Halbstarken getrieben, die ihr Heil bei anderen Kolonien glaubten. Danach revoltierten die Parasiten und dezimierten die letzten unserer Streitkräfte. Als alter, edler Staubgreis, fehlte mir nunmehr jegliche Führungskraft, wodurch wir ziel- und schutzlos schließlich an einer offenen Raumecke endeten. Diese letzten Zeilen werden mit Erstaunen niedergeschrieben, währenddessen eine monströse Maschine, laut und grauenvoll, uns von oben herab langsam einkreist.

© Tristi 2021-12-17

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