(Über) Leben in WGs – Leseprobe

Josefine Kühnel

by Josefine Kühnel

Story

Ich steige die hübsche, blau gestrichene Holztreppe in den ersten Stock hinauf und klopfe an die Tür. Sofort fällt mir das beschädigte Türschloss auf. Doch bevor ich darüber nachdenken kann, öffnet Kristin. Ein zierliches blondes Mädchen mit zu langem gerade geschnittenem Pony schiebt sich nervös die Brille mit dem dicken schwarzen Rahmen auf ihrer Nase zurecht und spricht nahezu im Flüsterton: „Hallo, komm rein.“ Ich lasse meinen Blick durch die Wohnung schweifen und bin beeindruckt: Sie ist lichtdurchflutet und schön eingerichtet. Alles wirkt irgendwie kuschelig und gemütlich mit den bunten Teppichen und Kissen. Ihr Zimmer liegt direkt neben meinem. So weit, so gut. Aber dann erblicke ich die Schiebetür dazwischen. „Sie ist nicht abschließbar“, sagt Kristin. Als jemand, dem seine Privatsphäre heilig ist, gefällt mir das überhaupt nicht, ebenso wenig, dass ich mein eigenes Zimmer vom Flur aus nicht abschließen kann. Nichtsdestotrotz ist die Wohnung so schön und der Preis erschwinglich, dass ich das Angebot unmöglich ausschlagen kann. Das Zusammenleben ist schon etwas merkwürdig. Kristin führt sehr häufig Selbstgespräche, sitzt teilweise stundenlang apathisch auf dem Balkon, ohne sich zu rühren und spricht manchmal so laut, dass sie mit ihrer Stimme einen ganzen Saal erreichen könnte, obwohl ich direkt neben ihr stehe. Und ich frage mich, wie sie mit Mitte 30 ihr Studium finanzieren kann, obwohl sie nicht arbeiten geht. Ein Freund würde sie unterstützen, erklärt sie mir und zippelt wie immer mit ihren abgekauten Nägeln an ihrem Shirt. Okay. Aber warum steht diese Frau nur immer so unter Strom? Warum wirkt sie so unsicher und nervös? Sie bekommt recht häufig Besuch, meistens eher zum Abend hin von, wie sie sagt, ihren Kumpels. Das stört mich nicht weiter, darauf wies sie mich schon beim Kennenlerngespräch hin: „Diese Wohnung ist mein absoluter Safe Space, deshalb kommen hier nur noch Menschen rein, denen ich vertraue“, und dann erzählte sie mir die Hintergrundgeschichte zum aufgebrochenen Schloss. Es sei wohl ein Ex gewesen. Aber im Großen und Ganzen verstehen wir uns ohne besondere Vorkommnisse.

Bis eines Tages mitten in der Nacht ein kräftiger, großer Mann mittleren Alters die Tür zu meinem Zimmer schwungvoll aufstößt und anscheinend ordentlich alkoholisiert in freudiger Erwartung irgendetwas von „hier bin ich, Baby“ in seinen Bart murmelt. Völlig überfordert von der Situation und gelähmt vor Angst, ziehe ich meine Bettdecke bis ans Kinn und hoffe, dass der Eindringling verschwindet. Stattdessen macht er das Licht an und sagt: „Wer bist du denn?“ Plötzlich öffnet sich die Schiebetür und Kristin steht in roten Spitzen – Dessous vor uns. Sie schnappt sich den Eindringling und die beiden verschwinden aus meinem Zimmer. „War das ein Traum?“ Nein, die nachfolgende Orgasmus – Arie war ganz real. Am nächsten Morgen will ich mit Kristin darüber reden, wie sehr ich mich erschreckt habe und dass solche Situationen bitte nie wieder vorkommen sollen. Ich klopfe, aber sie ist nicht da. Die Tür ist einen Spalt weit geöffnet, also wage ich einen Blick hinein und da sehe ich sie: Die Scheine auf ihrem Nachttisch. 5×50 Euro. Es stellt sich heraus, dass meine Mitbewohnerin eine Vielzahl an Freiern hat, die ihr ihren luxuriösen Lebensstil und das Studium finanzieren.

© Josefine Kühnel 2025-09-04

Genres
Novels & Stories
Moods
Abenteuerlich, Komisch, Unbeschwert
Hashtags