Mein Spiegelbild ist zerrissen. Gerade konnte ich mein Gesicht noch in der Pfütze zu meinen Füßen klar erkennen. Tiefe, dunkle Augenringe, viele Bartstoppeln. Ich fahre mit der Hand über meine eingefallenen Wangenknochen und spüre die stacheligen, harten Bartspitzen. Sieht so ein Soldat aus? Und schon reiten wieder kleine Wellen über die Wasseroberfläche und machen es mir unmöglich noch etwas anderes als das aufgewühlte Wasser zu sehen. Das laute Dröhnen lässt den Boden erzittern. Ich blicke nach oben in den hellen, blauen HImmel. Muss meine Augen mit der Hand abschirmen, damit die Sonne mich nicht blind macht. Es schmerzt in den Ohren. Der Kampfflieger ist jetzt genau über mir. Schwarz gegen den strahlenden Himmel. Ich reiße den Blick los. Ich muss weiter. Raus, solange es noch geht. Meine Füße tragen mich weiter. Schritt für Schritt. Die Sonne brennt heiß. Ich habe Durst. Die Sonne steht hoch. Haben wir schon Mittag? Ich muss weiter. Ich sehe verschwommen, Schweiß rinnt mir in die Augen. Da vorne! Endlich! Der Grenzübergang. Ich reihe mich ein. Vor mir Frauen und Kinder und Alte. Mama! Hättest du mitkommen sollen? Nein, wir hätten es nicht rechtzeitig geschafft.
Bist du sicher? Ja! Ja? Nein. Ich schließe die Augen. Ich muss weiter, raus. Ich kann nicht kämpfen.
Langsam rücken wir vor. Ein alter Mann sitzt auf einem Stein. Seine Tochter fächelt ihm Luft zu. Sie sehen erschöpft aus. Ich bin auf gleicher Höhe mit ihnen, der Alte sieht mich an.
Direkt. Unverwandt. Unangenehm.
Ich sehe nach vorne. Plötzlich steht er neben mir. Auf den Arm seiner Tochter gestützt. Er starrt mich aus dunklen Augen an. Leckt mit der Zunge über die trockenen Lippen. “Feigling!”. Seine Stimme klingt krächzend. Seine Tochter schaut von ihm zu mir, der starr geradeaus blickt. “Komm Papa. Lass doch.”. Sie zieht behutsam an seinem Arm. Etwas Nasses, Klebriges landet auf meiner Wange. “Papa! Jetzt komm. Es reicht.”. Sie führt ihn weg. Frauen und Kinder schauen mich an. Fragend, vorwurfsvoll, traurig, leer, mitleidig, während der Speichel von meiner Wange tropft. Ich wische ihn mit dem Handrücken weg. Ich muss weiter. Fast geschafft. Ich kann die Soldaten sehen. Sie kontrollieren die Papiere. Zitternd krame ich in der Hosentasche nach meinem Ausweis. Halte ihm dem Soldaten, der an einem Klapptisch sitzt, hin. Versuche nicht zu zittern. Zu viel verlangt. Der Soldat blickt mich unter seiner Schirmkappe an. Ausdruckslos. Mir ist übel. Dann nickt er und winkt mich durch. Mein Herz klopft. Blitze vor den Augen. Ich gehe weiter. Geschafft! Meine Hände und Füße kribbeln.
“Hey, du!” Ich gehe schneller. Stolpere. “Hey!” Eine Hand auf meinem Arm. Einer der Soldaten. “Der Befehl kam gerade. Zu den Waffen.” “Ich muss ..” . Weiter. “Kämpfen? Jawohl!” Mir ist so übel. Mama! Ich verstehe nicht. Hab es doch geschafft! Oder nicht?
Der Soldat hält meinen Arm fest. Zieht mich mit. Zurück. Panik. Keine Luft. Herzrasen. Muss zurück. Nicht weiter. Dann Dunkelheit. Umsonst. Alles umsonst.
© Katrin Beckmann 2024-08-30