Kürzlich battelte ich mich mit einem User auf Facebook, der mit Blick auf den für ihn unbekannten Dritten, Prof. Werner Josef Patzelt, fern-diagnostisch unterstellte, dass die Nähe “dieses Typs zur AFD” bereits gegen ihn spräche. Das ist wieder ein unschönes Beispiel, wie Menschen leichtfertig etikettiert und in Schubladen gesteckt werden.
Ich kenne Werner Patzelt nicht persönlich. Er ist mir aus den Medien vertraut, wo er regelmäßig Statements zu aktuellen politischen Entwicklungen abgibt. Der habilitierte Politikwissenschaftler wurde bei Heinrich Oberreuter, Universität Passau, zum Doctor Philosophie summa cum laude promoviert. Patzelt, inzwischen emeritiert, war Gründungsprofessor und zuletzt Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich an der TU Dresden. Seine wissenschaftliche Reputation und politische Expertise stehen außer Frage. Patzelts eindrucksvolle wissenschaftliche Vita hier zu dokumentieren, würde das Format sprengen. In meiner Wahrnehmung ist Prof. em. Patzelt ein konservativer Christdemokrat und überzeugter Europäer. Derzeit ist er Forschungsdirektor des Matthias Corvinus Collegium, Brüssel.
Patzelt war einer der ersten, der sich, wohnhaft in Dresden, dem unter dem Fähnlein “Montagsspaziergang” daherlaufenden Phänomen der Pegida wissenschaftlich näherte. Dies allein machte ihn aus Sicht linker Kreise schon verdächtig. Um der “politischen Erpressbarkeit” zu wehren, schloss er Koalitionen zwischen AFD und Union nicht aus. Ich teile diese Ansicht grundsätzlich nicht, lehne sie entschieden ab. Wohin allein die sprachliche Nähe zum Gedankengut der AFD führt, hat die CSU bei der Landtagswahl 2018 erfahren müssen, wo die erfolgsverwöhnte Partei mit einem desaströsen Stimmenanteil von siebenunddreißig Komma zwei Prozent im Vergleich zur Landtagswahl 2013 unter Horst Seehofer, satte zehn Komma fünf Prozent an Zustimmung einbüßte. Die CSU hatte in ihrem maßlosen Furor gegen Merkels Flüchtlingspolitik die Mitte der Gesellschaft verloren, allen voran die Kirchen. Reumütig zur Buße angetreten ist dafür von den zumeist römisch-katholischen Parteioberen niemand. Vom evangelischen Christen Markus Söder habe ich das nicht erwartet. Demut ist nicht seine Königsdisziplin.
Zurück zu Patzelt. Er ist aus meiner Sicht ein wissenschaftlicher “cross-border”, der an die Grenzen geht und diese – siehe AFD – überwindet. Das tut weh. Aber die “Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis” (Paul Tillich, Theologe). Das gilt nicht nur theologisch, sondern auch im Säkularen, wo sich die Körper hart im politischen Raum stoßen.
Die Unart und intellektuelle Leichtfüßigkeit vieler Vertreter/-innen der veröffentlichen Meinung, alles, was nicht im vermeintlich gesellschaftlichen Mainstream liegt, als “rechts” zu bezeichnen und in die Schmuddelecke zu verorten, verengt den Meinungskorridor. Bezeichnenderweise geschieht dies bevorzugt durch Leute, die auf den Korridoren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unterwegs sind. Von der Zuschreibung “rechts” bis hin zu “Nazi” und “Faschist” ist es nur eine kurze Wegstrecke. Am Ende bestimmt die Antifa per Zuruf aus der autonomen und linksextremen Ecke, wie unsere Demokratie zu “retten” sei. Da macht man mit links den Bock zum Gärtner.
© Thomas Schmitt 2024-01-20