Verwandtschaftsverhältnisse

Waltraud Lehofer

by Waltraud Lehofer

Story

Mein Schwager betätigte sich kürzlich als Ahnenforscher. Unermüdlich durchstöberte er landauf, landab Matriken nach seinen eigenen wie auch den Vorfahren seiner Frau, meiner Schwester. Um es kurzzumachen, am Ende hat er herausgefunden, dass er mit seiner eigenen Frau verwandt ist. Kunststück! Hätten ihn nicht seine Nachforschungen irgendwann vor 1600 ins Leere oder besser in den Nebel der Geschichte geführt, er hätte zweifellos auch noch herausgefunden, dass unsere Familien geradeaus von Adam und Eva abstammten. So gesehen hätten wir uns ziemlich erfolgreich über alle Kontinente hinweg vermehrt, was ganz im Sinne des großen Weltenerfinders läge, soweit mir bekannt ist. Mit einem Streich plötzlich nahezu acht Milliarden Verwandte zu haben, ein ebenso cooler wie beängstigender Gedanke. Man stelle sich nur die Anzahl an Glückwunschkarten für Geburtstage, Vermählungen, Geburten und so weiter vor. Andererseits würde das implizierte Verwandtschaftsverhältnis zu den Rockefellers dann auch wieder das nötige Kleingeld in die Geldbörse gespült haben. Tatsächlich findet sich in unserer Ahnenreihe aber kein einziger Name von Rang und Bedeutung, ganz im Gegenteil, alles kleine Leute, Bauern, Handwerker, Dienstmädchen. An deren Ende nun, und ganz gegen die Intension des Weltenerfinders, der Letzte der Sippe, der Sohn meiner Schwester. Ein Akademiker immerhin, ein Quantensprung also, aber leider kein Trost für meine Mutter, jetzt stirbt der Name aus, jammert sie. Mag sein, in meinem Fall sterben allerdings auch eine gute Portion Sturheit und noch ein paar andere lässliche Sünden mit aus, darin kann ich keinen allzugroßen Verlust für die Menschheit erkennen und außerdem hätte ich als Frau alter Tradition zufolge ohnehin nichts zum Erhalt des Namens beitragen können. Damit wir uns aber richtig verstehen! Ich bin keine egomanische Feministin. Mit mein Bauch gehört mir und so weiter habe ich nichts am Hut, aber ebensowenig bestehe ich auf der Sache mit dem eigenen Blut, wenn es nicht will, warum dann nicht fremdes Blut? Kinder sind Kinder und deswegen habe ich vier, ganz einfach, weil die viel zu früh Mutterverwaisten bei der Hochzeit „inklusive“ waren. Heute, vierundzwanzig Jahre später ziehe ich Bilanz. Sie sind das Beste, das mir widerfahren konnte. Längst erwachsen und aus dem Haus, hat mich ein jedes von ihnen etwas Besonderes gelehrt: Tiefe Menschenliebe, durchwoben mit feinsinniger Ironie sehe ich da und fest auf den Boden treten, seinen Platz beanspruchen, aber einfühlsam dem Schwächeren gegenüber. Ein ehemals verschrecktes Küken, das seine Schwingen auszubreiten und mit dem Wind segeln gelernt hat, wie wunderbar. Die wertvollste und herausforderndste Sache von allen aber: Lieben bis es weh tut, weil Liebe nicht weh tut, und das habe ich auch irgendwo im Buch des großen Weltenerfinders gelesen.

© Waltraud Lehofer 2020-12-12

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