Sie sitzen hier fest; zwei Rentner mit dem Drang nach Freiheit. Eigentlich wären sie ja jetzt auf Weltreise gewesen, irgendwo in Ägypten oder Amerika. Oder Äquatorialguinea. Eigentlich.
Ich glaube ja, sie fliegen nur nicht hin, weil eben nichts fliegt. Corona? Ist egal, dann stecken wir uns nicht an. Und selbst wenn – nicht schlimm. Dann bleiben wir eben gleich ein paar Wochen länger weg.
Die beiden würden sich mit einem Frachtflugzeug aus dem Land schmuggeln, einfach, um irgendwo anders zu sein. Hier gibt es ja nichts. Ist alles langweilig hier. In Deutschland war man ja immer, das kennt man schon, es muss etwas Neues sein. Das Ausland, es ruft. Könnt ihr es hören?
Bei ihr ist es nicht ganz so schlimm, sie will nur jeden Tag kochen, etwas zu tun haben. Dann kommen die Beschwerden meinetwegen, ob ich denn überhaupt wisse, wie eine Waschmaschine funktioniere. Pff. Internet. Mal fix googeln.
Bei ihm wirkt es sich dagegen deutlich auf das Gemüt aus. Ihm fallen jetzt unglaublich viele Dinge auf, die einmal gemacht werden müssten. Seit Tagen klettert er nun auf dem Dach herum, während sie drinnen kocht und über Waschmaschinen lamentiert und ich unten im Garten stehe, zu ihm hinaufschaue und mit rasendem Puls vor Angst beinahe in Ohnmacht falle.
Heute ist ihm etwas Neues eingefallen. Beim Nachbarn stehen zwei Birken, direkt am Zaun. Die Bäume sind zwar schön anzusehen, aber Schädlinge, da sie so ziemlich alles an Nährstoffen aus dem Boden holen, was da so ist. Das ist natürlich doof für alles, was da so drumherum wächst. Weil das eben nicht sehr gut da drumherum wächst. Außerdem krümeln die Dinger. Und zwar in seinen Garten. Auf sein Beet. Das ginge nicht, dass da drei Birken aus dem Nachbargarten angegurkt kämen, die unseren Pflanzen das Futter wegmapfen und zudem ihren Müll zu uns krümeln. Wer genau gibt ihnen das Recht dazu?
Die Birken müssen weg. Sie sind nämlich nicht nur schlecht für das Beet, sondern auch für die Hecke zwischen dem Beet und den Bäumen. Und die gehört auch ihm. Er weiß jetzt, wie man das Internet benutzt. Das ist schlecht für die Birken. Äußerst schlecht.
Heute Abend ist es so weit; er startet eine Nacht- und Nebelaktion, um einer der Birken endgültig den Garaus zu machen. Kupfersulfat. Der Birken-Killer. Ab sofort im Handel. Damit will er sich jetzt mit einem Gartenschlauch der ersten Birke annehmen. Erstmal nur eine, sonst fällt das ja noch auf. Dann will er warten, er hat ja Zeit.
Und wenn sie dann tot ist, wenn ihr alle Blätter fehlen und wenn dort nur noch ein kahles Überbleibsel ihrer einstigen Pracht steht, dann ist sie bereit zum Abholzen. Die anderen folgen dann. Vielleicht Essigsäure, man muss ja verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen, um dann die dritte und letzte Birke in einem finalen und epischen Showdown zur Strecke zu bringen.
© vickyvomstein 2022-12-08