Dein Platz war in der Sonne – egal ob auf dem Hausbankerl oder auf dem Balkon. Von dort wie da hast du beobachtet. Wer kommt? Wer geht? Was tut sich? Du hattest immer alles im Blick. Auch uns. Während unserer Kindheit, unserer Jugend und dem Weg ins Erwachsenwerden.
Du hast gesehen, wenn wir mal später als vereinbart vom Fortgehen nachhause gekommen sind. Wenn wir doch nicht mit den Eltern der Freundin, die uns eigentlich hätten abholen sollen, nachhause gefahren sind. Wenn der Weg ins Haus nach der langen Nacht etwas länger gedauert hat, weil wir die kühle Nachtluft einfach noch ein bisschen genießen wollten.
Gesprächig warst du nie. Du hast lieber zugehört. Oder auch nicht. Denn das Hörgerät funktionierte oft nur, wenn du etwas hören wolltest. Aber gewusst hast du viel. Alles über den Ort, in dem du dein ganzes Leben lang gelebt hast. Und die Leute, mit denen du aufgewachsen bist, gearbeitet hast und bei deinen Hobbys, dem Skifahren und Wandern, zusammen warst.
Die Erinnerungen an dich werden nie verblassen und ließen sich unendlich fortsetzen:
Soletti und (Stinke-)Käse. Dein Snack, der einfach immer ging.
Jogginghose und weißes Unterhemd. So hat man dich meistens angetroffen.
Braungebrannt, weil du jede Gelegenheit zum Sonne tanken genutzt hast.
Du warst der Einzige, der mich „Frau Magister“ nennen durfte. Weil du stolz auf mich, die erste in der Familie mit einem Uniabschluss, warst.
Um Normen und Konventionen hast du dir nicht viele Gedanken gemacht. Du hast deine Meinung offen gesagt.
In den letzten Monaten war alles schwieriger. Dein gewohntes Leben war weg. Die Krankheit hat dich zu einem anderen Menschen gemacht. Das war hart, für dich und uns. Es war nicht mehr dein Leben, wie du es gekannt hast. Es wäre nie mehr dein Leben gewesen. Dein Hausbankerl und deinen Balkon hast du gegen einen Ort, der nicht dein Zuhause war, getauscht. Ein Ort, an den du dich vielleicht gewöhnt hättest. Hättest du mehr Zeit gehabt. Vielleicht ist es aber gut so, wie es gekommen ist. Denn die Krankheit, hätte dich aufgefressen.
Bestimmt beobachtest du uns immer noch, von einem schönen Platz in der Sonne aus. Weißt, was passiert und wie es uns geht. Weißt, dass Oma sagt, sie mag dich nicht mehr, weil du sie alleine gelassen hast. Und wir alle ein bisschen ihrer Meinung sind. Weil du nicht mehr da bist und auf uns Acht gibst.
Aber natürlich mögen wir dich immer noch. Weil du wie bisher auch weiterhin auf uns aufpassen wirst, nur von einem anderen Ort aus. Von einem Platz in der Sonne und für immer in unseren Herzen.
© Christine Gruber 2020-05-29