Wandtattoo

Liliane Silberbauer

by Liliane Silberbauer

Story

„Home is where your heart is” ist ein beliebter Spruch, der gerne auf Tassen, Fußmatten oder Wandtattoos gedruckt wird. Das setzt allerdings voraus, dass man weiß, wo sich das Herz befindet. Anatomisch ist es ziemlich klar – irgendwo in der linken Brust, zumindest so weit ich mich an den Biologieunterricht bei Frau Professor SchwĂ€rzler erinnern kann. Aber wie sieht’s gefĂŒhlstechnisch aus? Als das in der Schule erklĂ€rt wurde, war ich scheinbar physisch oder mental abwesend (oder beides gleichzeitig?). Nochmal nachschauen, ob der Reisepass auch wirklich im vorderen Fach meines Rucksacks ist und schon steige ich in die S-Bahn in Richtung Flughafen Schwechat. Meine erste Reise allein – das sollte man mal gemacht haben, um sich selbst zu finden. Um die eigenen Grenzen auszutesten. Um sich selbst einer Herausforderung zu stellen. Um Geschichten erzĂ€hlen zu können, die keiner hören will. Wie das wohl wird? Ganz auf mich gestellt und nur von meinen Gedanken begleitet? Das macht mir ein wenig Angst, aber zum GlĂŒck haben meine Kopfhörer genug Akku, um meine lauten Gedanken mit Metalcore zu ĂŒbertönen. Angekommen im Hostel in Warschau sitze ich auf dem oberen Stock meines Stockbetts im gemischten 8er-Zimmer. Wenn schon ein Abenteuer, dann gleich die volle Dröhnung – das war mein Gedanke, als ich mich beim Buchen zwischen Einzelzimmer, Frauenschlafsaal und gemischtem Mehrbettzimmer entscheiden musste. Was jetzt? Ich muss meine Selbstfindungsreise so gut wie möglich ausnutzen, sonst war das alles reine Geld- und Zeitverschwendung. Ich setze mich mit meinem Buch, das ich schon seit fĂŒnf Monaten lesen möchte, in ein CafĂ© in der Altstadt. Das ist nett, so hab’ ich mir das vorgestellt – Zeit fĂŒr mich, ein gutes Buch, ein mittelmĂ€ĂŸiger Kaffee und ein Zwetschken-Blechkuchen. Plötzlich fĂŒhle ich mich einsam, mir fehlt Gesellschaft – ein unangenehmes GefĂŒhl von Angst und Unwohlsein steigt in mir auf. Ich möchte nach Hause. Doch das kann ich nicht machen – ich muss mir selbst und allen anderen beweisen, dass ich unabhĂ€ngig und mutig bin. Oder nicht? Darf ich aufgeben? Ist vielleicht das das Ergebnis, das ich unbewusst haben wollte? Der Beweis, dass ich schöne Momente gerne mit jemandem gemeinsam sammeln möchte und mir etwas fehlt, wenn ich meine Freude nicht teilen kann, weil niemand da ist? Ein LĂ€cheln zeichnet sich auf meinem Gesicht ab, ich zahle die Rechnung im CafĂ©, gehe zurĂŒck in mein Hostel, nehme meinen bisher nicht angerĂŒhrten Rucksack auf die Schultern und fahre zurĂŒck zum Flughafen. In Wien angekommen treffe ich meine beste Freundin in unserem Stammpub und erzĂ€hle ihr von meinem fĂŒnfstĂŒndigen Selbstfindungstrip nach Warschau.
„Home is where your heart is“ – offenbar ist mein Zuhause und mein Herz dort, wo ich mein Zuhause und mein Herz teilen kann.

© Liliane Silberbauer 2023-06-27

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