Allzu gerne zöge ich jemanden zu Rate, der sich auf Geomantie versteht. Ich rätsle noch immer herum, was es war, das ich gestern beobachtete. Es gibt eine zweite Zeugin, die wanderfreudige I., und in Wahrheit war sie es, die mich aufmerksam machte und plötzlich sagte: Schau dir das an! Wir blieben stehen und vergaßen, den Mund zu schließen vor lauter Staunen. Das Spektakel dauerte nicht länger als ein, zwei Minuten.
Ich muss ein wenig ausholen. Es begann schon mit einem unglaublichen Zufall. I. und ich hatten uns für Samstag eine Wanderung vorgenommen. Über das Ziel würden wir uns noch verständigen, hieß es.
Am Freitagnachmittag, ich saß auf der Couch und notierte gerade die Zugverbindungen zu meinem Wunsch-Wanderziel auf einem Stück Schmierpapier, als ich einen vertrauten Klingelton vernahm. Das WhatsApp von I. enthielt exakt dasselbe Wanderziel, dieselben Zugverbindungen: Abfahrt 9.05, RJ nach Wiener Neustadt, Umstieg in den REX 92 bis Gleißenfeld.
Der Erzherzog-Johann-Rundwanderweg führt von dort ziemlich steil bergauf zum Türkensturz, einer Felswand, auf der 1825 eine künstliche Ruine errichtet wurde. Ihr Name erinnert an die Zeit der 1. Türkenbelagerung, als die ansässigen Bauern eine versprengte Gruppe berittener türkischer Soldaten auf den Hügel jagten, von dem aus sie in den Abgrund stürzten.
Was ich eigentlich erzählen möchte, ereignete sich auf dem Weg vom Türkensturz nach Weingart, irgendwo auf der Geländehöhe Sollgraben.
Schau einmal, sagt I. und bleibt unvermittelt stehen und zeigt auf eine weitläufige Wiesenfläche, die sich rechts neben dem Wanderweg erstreckt. Das Gras ist trocken. Es hat lange nicht geregnet. Die Sonne steht hoch. Es ist Mittagszeit. Windstille. Kein Lüftchen weht. Umso erstaunlicher ist es, als vor unseren Augen ein Blättertanz anhebt. Später erzählt mir I., sie habe im ersten Moment die Blätter für winzige, braune Vögel gehalten, aber nein, es ist trockenes Laub, das sich in einem kreisförmigen Wirbel formiert und vor unseren Augen einen Reigentanz vollführt und sich in einer Spirale etwa zehn Meter in die Lüfte schraubt. Wie eine flatternde Wendeltreppe bewegt sich nun das Ganze Richtung Wald, ein Blätterballett sondergleichen, wundersam choreografiert und von unsichtbarer Hand gezogen, entlang einer Linie, die im Erdboden verlaufen muss. Im nahen Wäldchen sinken die Blätter ermattet zu Boden. Ein paar verfangen sich im Geäst. Ende des Schauspiels.
Mit geschlossenen Augen schreite ich dann die unsichtbare Linie ab. Meine Finger kribbeln. Die Energie fühlt sich dicht an. Mehr vermag ich nicht zu sagen. Es ist und bleibt ein Rätsel.
Schweigend setzen wir unseren Weg fort. Ein warmer Luftzug streicht jetzt über uns hinweg.
Nach einer Stärkung in Thernberg erreichen wir den Bahnhof in Scheiblingkirchen. Ein letzter Blick zum Türkensturz in der Ferne. Der Halbmond aus Metall, der auf dem Felsen angebracht wurde, glitzert in der Spätnachmittagssonne.
© Sonja M. Winkler 2022-03-27