Weißt du wie die Engel fliegen?

Katrin Seifried

by Katrin Seifried

Story

Hat S. mich gestern gefragt, am Lagerfeuer, auf ihrer geerbten Wiese im Traumgarten auf dem das Traumhaus steht nach dem wir uns heimlich, jede für sich, seit immerschon sehnen. Andere (bessere?) Leben imaginieren halt, macht man doch, zwangsläufig, oder? Das Vorstellen hat immer ein wenig was vom Leben der Zopfmädchen, vom sich nichts mehr scheißen bzw. sich eigentlich alles scheißen weil Wertigkeiten klar geworden sind, weil das eigene Leben und das Selbst urplötzlich und knallig als richtig empfunden werden kann. Etwas vom “junge Weltverbesserin spricht mit Tieren und hat die Zeit ihres Lebens”- Gefühl. Ein sich nicht mehr entschuldigen – weder wollen, noch müssen – für das Wie Was oder Warum man ist. Ihr wisst was ich meine. Mensch kennt das.

Die Bilder waren freilich ein wenig anders, das Haus knorriger, bunter, sicherlich ohne Spinnenbilder an der Wand (zusätzlich zu den Echten!). Ich mein, wer hängt sich Spinnenbilder in die Küche, direkt über den Herd? Als hoffte man, sie gäben genug her für die nächste Mahlzeit. Oder, in der leisen Erwartung der Verschiebung der Grenzen zwischen Möglich und Un-, würde das Bild sich räkeln, wir uns ekeln, die Spinne auf Insektenjagd gehen? Uns Nützen? Ein geteilter Essensplatz, quasi? Nein. Ungustiös. Grauslich, um nicht zu sagen geschmacklos am Ort des potentiell maximalen Geschmacks. War schon knapp dran sie heimlich abzuhängen, aber S. meinte, sie wolle erst umgestalten, wenn die Oma gestorben wäre. Quasi die Hoffnung stirbt zuletzt, mal anders.

Würden Engel fliegen wie Fliegen fliegen, oder Gelsen, und, wer weiß, vielleicht tun sie das auch, ach, es wäre schade. Um sie, denn sie würden sich verfangen. Stoßen, an der Welt, ihre feinen Flügel, verklebend, ihre Sicht, getrübt aber noch nicht geraubt. Weiß nicht, was grausamer ist. Eigentlich glaube ich, echte Engel besitzen gar keine Flügel. Aber das möchte ich S. nicht sagen. Mit der Ehrlichkeit kann sie genauso wenig umgehen, wie ich.

Aber – was antwortet man auf Fragen über Dinge an die man nicht glauben kann? Engel, Atombombenabkommen, Fairtrade Kaffee – ist doch alles dasselbe wiederkehrende verhängnisvoll- hoffende Seelenstreichelbetrug. Bloß was tun, spielt man mit, lässt man -sich, die Dinge- gehen, wo ist die Mitte zwischen Resignation, Zynismus, Annahme und, ja, Hoffnung eben? Es gibt keine Mitte, weil eben wie die Begrifflichkeiten unterschiedlich und mehr als zwei sind, auch unsere Reaktionen mehr sind als die Entscheidung zwischen zwei Polen. Die goldene Mitte ist keine Lüge in einer Welt, die sich aufspannt wie ein Netz, aber unrealistisch. Bedarf so viel. So viel Mühe, Achtsamkeit, Wissen. Viel zu viel, für zu viele zu viel. Vielleicht halten wirs mit Vorbildern, einfacher? Nena zum Beispiel. Neue deutsche Welle war immer schon supi. Klar. Mögen wir. Und ich weiß, das ist, was S. eigentlich von mir hören will. Das Feuer flackert. Es ist warm.Engel fliegen einsam. Du und ich, gemeinsam. (S. lächelt.)

© Katrin Seifried 2020-07-16

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