by Patrik Bruna
Erst nach dem Kauf des Grundstücks hatte ich mir zum ersten Mal Gedanken über die Bedeutung von Zäunen gemacht. Ich war Anfang dreißig, ganz schön grün hinter den Ohren und in Eile. Tatsächlich war da eigentlich nichts, was mich wie ein Rennpferd nach vorne trieb, außer meiner eigenen Ungeduld und Hektik. Daher war auch nur wenig Zeit, damit ich mich mit vermeintlichen Banalitäten wie etwa einem Zaun auseinanderzusetzen konnte oder wollte.
Dort war – oder besser gesagt: ist – dieses Grundstück. Ein Grundstück, das selbst für Verhältnisse im ländlichen Raum Niedersachsens für einen Spottpreis angeboten wurde. Ein Grundstück, welches mit gut 700 m² genügend Platz für ein großes Eigenheim und großen Garten bot. Ein Grundstück, auf dem ich bereits das Haus sah, welches mir und meiner nachfolgenden Generation Heim werden sollte. Wer weiß? Vielleicht würde es ja sogar noch länger überdauern. So oder so schien es mir eine todsichere Wette zu sein – was hatte ich denn vor allem bei diesem unverschämt günstigen Preis zu verlieren? Und daher zog ich die Zügel straffer, um ja nicht um diese verlockende Chance zu kommen.
Solche Vorstellungen und Entschlüsse schwirrten mir vor rund fünf Jahren durch den Kopf, sicherlich aber keine Überlegungen und erst recht keine Bedenken bezüglich des Zaunes. Meine Unterschrift war also bereits unter dem notariellen Schreiben getrocknet und die Kaufsumme überwiesen, als ich mich zum ersten Mal richtig mit dem alten Zaun beschäftigte, der mir bald den Schlaf rauben sollte.
Später stellte ich mir eine fast schon philosophisch anmutende, in Wirklichkeit jedoch ziemlich simple Frage: Wozu gibt es überhaupt Zäune oder – wie es im Fachjargon heißt: – die Einfriedung? Vielleicht wollen Sie sich ja kurz diese Frage selbst beantworten, bevor Sie auf den nächsten Absatz überspringen. Diese Zeit wollen wir uns doch gerne nehmen.
Mir schien die Beantwortung einfach: Zäune oder Mauern dienen dazu, das eigene oder fremde Grundstück zu markieren, unpassierbar für ungebetene Gäste zu machen und damit zu schützen. Je nach Form und Größe können sie zudem die Sicht versperren oder wenigstens etwas Lärm von außerhalb fernhalten. Und eines können sie noch: abgrenzen, isolieren, ausblenden.
Obwohl seit jenen Geschehnissen nur wenig Zeit vergangen ist, kann ich mich heute kaum noch an den alten Zaun erinnern. Diffus sehe ich vor mir das niedrige Betonfundament an der Grundstückslinie entlangwandern, das circa 20 Zentimeter breit war und in das in regelmäßigen Abständen von einem Meter kleine Metallstangen hineingezwängt waren. An ihnen war ein hässlicher grauer, mittlerweile von der Witterung verrosteter Maschendrahtzaun angebunden, der vieles tat, jedoch nicht abgrenzen, isolieren, ausblenden.
Letzteres wollte ich ändern, als ich meinen Nachbarn und seine Sippschaft kennengelernte, um einer zukünftigen und unweigerlichen Fehde aus dem Weg zu gehen. Zu meinem Unglück verursachte ich, was so gerne vermeiden wollte.
© Patrik Bruna 2025-01-23