Zusammentreff

Justine Büttner

by Justine Büttner

Story

Heute ist Mias erster Probearbeitstag. Sie ist aufgeregt, fühlt sich aber auch sehr erfüllt. Mia ist so früh aufgestanden, dass wir noch gemeinsam durch die Stadt schlendern konnten. Es ist sehr viel los an ihrem ersten Tag. Man empfängt sie herzlich, gibt ihr eine kurze Einweisung, und dann geht es direkt los. Sie hat sich schnell eingefunden und darf sogar schon ein paar Dinge alleine machen. Ich bin heute überall an allen Tischen verteilt, meine Anwesenheit hängt in der Luft. Sie arbeitet ganz Gewissenhaft und vertieft, sodass sie den Mann vor sich erst bemerkt, als er sich räuspert. Erschrocken fällt ihr das Geschirrhandtuch herunter. Diese eisblauen Augen kommen ihr vertraut vor, und sie merkt, wie sie errötet. Ihr war nicht klar, dass ausgerechnet dieses Café sein Stammcafé ist. Ansonsten hätte sie schon längst Ausschau nach ihm gehalten. Ich bemerke, wie Mia sich verlegen eine Strähne hinter ihr Ohr streicht. Tom erklärt sich kurz, und Mia nimmt lachend sein Handy in die Hand, um ihre Nummer einzutippen. Manchmal ist es hilfreich, offen und ehrlich zu sprechen, dann lassen sich Probleme ganz einfach aus der Welt schaffen. Sie gibt ihm sein Handy zurück, brüht den Kaffee auf, gießt ihn in eine Tasse, ganz so, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie hat den Kaffee im Blut. Tom will gerade seine Tasse nehmen, als ein Mann zusammen mit einer Frau mit Kind auf dem Arm in das Café kommt. Das Kind weint und hat ein rotes, verquollenes Gesicht. Ich sehe direkt, dass es seinen Arm festhält. Der Mann fragt gehetzt nach Eis zum kühlen. Toms Gesicht nimmt einen ernsten Ausdruck an. Er fragt, ob er sich den Arm des Jungen angucken darf, da er Arzt ist. Die Mutter nickt, und sie setzen sich gemeinsam an einen freien Tisch. Mia holt einen Beutel mit Eiswürfeln, um den Arm zu kühlen. Behutsam untersucht Tom den Arm und rät, notfalls in das nächstgelegene Krankenhaus zu fahren. Der Junge hat sich wieder beruhigt, und Mia bringt ihm einen Babycino. Aufmerksam fragt sie die anderen am Tisch, ob sie Lust auf einen Kaffee haben? Die Frau stellt sich als Emma vor, der Mann als John, und der kleine tapfere Junge heißt Elias. Alle in der Runde nicken, und sie geht wieder hinter den Tresen. Toms Kaffee ist in der Zwischenzeit kalt geworden, also macht Mia sich daran, für alle einen Kaffee zu kochen. Sie hat 30 min Pause und kocht sich selbst auch einen Cappuccino. Sie serviert den Kaffee, jeder an ihrem Tisch hat einen anderen Geschmack, was den Kaffee betrifft. Ich führe mit den Kaffees am Tisch ein angeregtes Gespräch. Jedem gefallen die bunten Tassen. Keiner von ihnen kann glauben, dass ich alle Menschen am Tisch kenne und sogar schon in jeder Tasse von ihnen gesteckt habe. Es macht mich stolz und zugleich ungläubig, dass das Schicksal über kleine Umwege alle zusammengeführt hat. Die Stimmung ist ausgelassen. Zum ersten Mal habe ich eine echte Geschichte zu erzählen und kann allen Tassen darüber berichten, was die am Tisch sitzenden Personen alles schon durchlebt haben. Endlich können wir ein richtiges Gespräch führen, nicht immer die eintönigen und gleichen Gespräche. Der Kaffee neben mir gefällt mir ganz besonders gut, er lacht besonders laut, wenn ich einen Witz erzähle, und wirft mir heiße Blicke zu. John und Emma verabschieden sich. Mia und Tom bleiben noch zu zweit an dem Tisch sitzen. Ein Kollege von Mia stellt uns netterweise eine Kaffeekanne auf den Tisch zum Nachschenken. Das wird ein ausgelassener Tag im Café, erfüllt von Liebe, Hoffnung und Kaffee.

© Justine Büttner 2026-01-25

Genres
Novels & Stories
Moods
Emotional, Hopeful