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#woodstock#gartenträume#wunderschönekindheit

#Garten(t)räume

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#Garten(t)räume | story.one

In meiner Kindheit waren Oma und Opas Gärten ein Bundesland von Michael Endes Phantásien, deren Gestalt sich auf märchenhafte Weise an unseren Verkleidungsstatus anpasste: Als Katharina die Große promenierte ich mit Kaiserin Sissi in den Weiten Schönbrunns, als Rettungsschwimmerinnen patrouillierten wir den Strand von Malibu und behielten den Mikrokosmos des Swimming Pools im Blick, als Mannequins stolperten wir stolz in Omas übergroßen Roben (den Trend der Hipstermode provozierend) den Outdoor Laufsteg entlang.

Auch subkulturell-experimentelle Inszenierungen wurden auf der Grünfläche veranstaltet. Der höllische Höhepunkt: ein kontroverses Konzert auf einem Holzgartentisch im Volksschulalter. Wir hendrix-ten deharmonisierte Klänge auf der mit beklagenswerten 3 Saiten be-ver-spannten Gitarre und janisjoplin-ierten freiassoziierte Wörter in eine mikrofonförmige Fahrradhupe. Eine Taschenlampe diente als Bühnenscheinwerfer.

Besonders beliebt waren pritschlexzessive Hexenküchenszenarien: kübelähnlich-scheppernde Gefäße wurden mit Wasser überfüllt, suspektes Grünzeug gesammelt, fleißig umgelehrt, umgerührt, vermischt: Voilà - durch und durch pitschepatsche nass hatten wir eine 100% biologisch-vegane Gemüsekaltschale gepanscht.

In meiner wild-jubilierenden Jugend bewirtschafteten meine Eltern ihren aignen Garten Eden, den ich in naiv-hippieeske MiniWoodstocks umfunktionierte: Happy Happenings mit mutig-mondänen Musikmenüs, durchströmt von komatösen Alkoholumtrünken und ergözend-geiler Grillerei. Knabbern, knutschen, kopulieren, kompensieren, kommunizieren und kulminieren.

Mit der lang herbeigesehnten Scheidung meiner Eltern wurde das grüne Areal schließlich in ausgedehnten Friedensverhandlungen geteilt. Ein Maschendrahtzaun marschiert als symbolische Mauer entlang der Grenze, mit separatem Zugang zum Grundstück meines Vaters, Karl: sein Checkpoint Charly.

Im Osten nichts Neues. Mamas Westen blümelt paradeisisch, Papas Osten verwildert kapitulierend. Ich halte mich daher bevorzugt im progressiv-prosperierenden Sektor auf und nutze Mamutschkas Oase als sommerdomizi(l)vilisernder Kurort, entgiftendes Rehabilitätszentrum und Retreat. Auf der Terrasse yogiere ich grüßend der Sonne entgegen, während mein spiritueller Blick auf Stift Göttweig weilt, gefolgt von einer echt-vogelgezwitscherten Meditation. Danach ziehe ich mich in den von Rosen umrankten Pavillon zum Dichten zurück - bewacht von einem steinernen Frosch (bereits geküsst: Verwandlung nicht eingetreten). Zu meinen Füßen räkelt sich mein putziges Kätzchen, Bella.

Wie zu Jim Morrisons Grab am Père-Lachaise, werden nach meinem Tod aignartige Menschen zu diesem orgiastischen Fleckchen pilgern, bewusstseinserweiternde Orgien exerzierend, wortverzweigte Lesungen deklarierend und doppelgesichtig-geschichtete Huldigungsgesänge proklamierend.

© aignartig 2021-04-24

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