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#liebe#mutterliebe#krieg

Mama, was ist Glück? (2)

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Mama, was ist Glück? (2) | story.one

Das Bild vor ihr wurde größer und größer und plötzlich hielt eine raue Hand die ihre, und in ihren Armen hielt sie ein Baby, mit großen braunen Augen und kleinen hellen Locken, welche von Staub und Dreck benetzt waren. Schreie hallten an ihre geschundenen Ohren, gepaart mit dumpfen Schüssen und lautem Krachen. Die Hand, welche die ihre umklammerte, zog und drängte sie sich zu bewegen, weg von da, wo einst ihr Zuhause stand. Damals war es hier wunderschön, geschäftig und friedlich gewesen. Jetzt rannten fremde Männer in ihre Häuser, schossen auf Unschuldige und Kinder, fremde Flaggen tanzten im Sturm und die Sonne war vom Staub verdrängt worden. Sie wusste, dass es hier nichts mehr für sie gab, also drückte sie die Hand ihrer geliebten Frau fester und begann zu rennen. Lange dunkle Haare schwangen neben ihr durch Rauch und Asche und wirkten wie ein Signalfeuer in dunkler Tiefe. Während sie ihre Kleine ganz fest an die Brust drückte, hielt die blonde Frau neben ihr eine bedrohliche Waffe in der Hand, jederzeit bereit für ihre Familie zu töten. Also rannten sie, ohne zu wissen wohin, ohne zu wissen, warum und ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihren Sohn hatte man ihr genommen, aber ihre Tochter würde man ihr nicht nehmen können. Dies war der einzige Grund, für den es sich zu rennen lohnte. Also rannten sie, durch Nebel und Staub, kletterten über Gestein, welches einst Teil dieser friedlichen Stadt. Schrille, vom Schmerz verzerrte Rufe, dröhnten überall den Lärm hinweg. Mütter, die ihre Kinder verloren. Väter, die gezwungen wurden auf ihr eigenes Volk zu schießen und Kinder, die in Ecken kauerten, die Hände um den kleinen Kopf geschlungen, nicht wissend, wo ihre Mama war, nicht wissend, warum das alles passierte. Sie musste den Blick abwenden, denn sie wusste, dass es für diese kleinen Geschöpfe kaum noch Hoffnung gab. Das Einzige, was sie tun konnte, war die Arme fester um das schreiende Bündel zu schließen und zu rennen. Und dann war da dieser raumlose Knall. Ein lautloses Beben. Die blutige Hand, die sie langsam losließ, obwohl sie versprochen hatte, auf immer bei ihr zu bleiben, der Staub, der ihr die Sicht und der Soldat, der ihr die Liebe nahm. Ein weiterer lebloser Körper auf einem nicht enden wollenden Friedhof des Krieges.

„Mama?" Eine kleine Hand drückte die ihre. Man hatte sie ihr nicht genommen, ihre kleine Tochter. Alles hatte man ihr genommen, nur nicht dieses kleine strahlende Licht, welches sie abhielt, aus diesem Fenster zu springen und nie wieder aufzustehen. „Wir haben Glück gehabt, meine Kleine. Und ich bin sehr glücklich, dass wir beide hier sind. Wir haben es geschafft, du darfst das nie vergessen. Wir haben es geschafft und eine Chance bekommen glücklich zu sein.“ Große braune Augen waren nun verschleiert, aber ein Lächeln umspielte den Mund ihrer kleinen Tochter. „Ich hab dich lieb Mama! Und ich bin glücklich, glaube ich.“

© ajron 2021-05-04

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