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16. Kapitel

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Konstantin fiel in schwere Depressionen, die den ganzen Winter über andauerten, der eine Woche später ausbrach. Oftmals fühlte er sich fiebrig, nachts wälzte er sich von einer Seite auf die andere, er brauchte sehr lange, bis er einschlief, nur um dann Alpträume zu haben und schweißgebadet aufzuwachen. Jede Nacht träumte er dasselbe: Henriette, die krank auf dem Bett lag und nach ihm rief, aber jedes Mal, wenn er an ihrem Bett angekommen war, war es bereits zu spät: Sie war tot. Tagsüber konnte er sich zu nichts motivieren, er war wie ausgebrannt und bevorzugte es, nur im Bett zu liegen. Seine Eltern hatten einen Psychologen arrangiert, der ein Mal die Woche zu ihnen nach Hause kam (sie hofften, dass keiner außer die Familie von seinem Zustand mitbekommen würde) und lange Gespräche mit ihm führte. Der Psychologe schrieb ihn für das Wintersemester krank.

Nachdem die Therapie beendet war und sich der Jurastudent wieder im Griff hatte, verstand er Henriette viel besser und hatte viele neue Erkenntnisse für sich und sein Leben erhalten: Man sollte gegenüber einen Menschen keine Vorurteile haben (so wie er sie anfangs gegenüber Frau Smirnova gehabt hatte), Selbstliebe und Selbstempathie sind für eine gute Freundschaft essenziell. Das Lieben und das Verstehen von sich selbst ist die Voraussetzung dafür, andere lieben und verstehen zu können. Er sah Henriette nicht mehr als den Menschen an, der ihn enttäuscht hatte sowie traurig und wütend gemacht hatte, sondern als den Menschen, der ihn freundschaftlich geliebt hatte und ihn deswegen vor einem größeren Leid beschützen wollte. Er sah sie als Friedenstaube, als Bringerin seines inneren Friedens.

Der Frühling leitete das Sommersemester ein, überall sah man Blumen sprießen, viele Studenten saßen draußen auf dem Campus und unterhielten sich, tranken Kaffee. Konstantin rannte an ihnen vorbei, er hatte nun Vorlesung und war spät dran. Als er den Saal betrat, saßen bereits einige Studenten, doch die Vorlesung hatte zum Glück noch nicht begonnen. Der Jurastudent setzte sich neben einen blonden Jungen, der sich nach ihm umdrehte, als er ihn bemerkte. Während der Junge seine Sachen auf die Seite legen wollte, um ihm Platz zu machen, fiel sein Bleistift auf dem Boden. Konstantin hob ihn auf und gab ihm den Stift. „Danke“, sagte der Junge. „Nichts zu danken“, entgegnete der Jurastudent. Verlegen lächelten sie sich an. Konstantin nahm all seinen Mut zusammen, streckte ihm seine Hand entgegen und fragte: „Hallo, ich heiße Konstantin Riethfeld und wie heißt du?“

© Alessia De Gennaro 2021-07-22

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