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Die Katastrophe von Langenweddingen

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Die Katastrophe von Langenweddingen | story.one

Man hält es kaum für möglich aber eine schlampig verlegte Telefonleitung führte zum größten Eisenbahnunfall der ehemaligen DDR mit 94 Toten. Das besonders tragische dabei ist die hohe Anzahl von Kindern und dass sie den schrecklichsten aller Tode erleiden mussten

Wir schreiben den 6. Juli 1967. Ferienbeginn! Am Bahnhof Magdeburg herrscht buntes Treiben. Mütter und Väter verabschieden sich mit Wehklagen von ihren Lieblingen, insgeheim aber freuen sie sich über ein wenig Ruhe vor den Bälgern. Der erste Wagon ist ausschliesslich für die Jüngsten und ihre LehrerInnen reserviert. Insgesamt reisen 250 Passagiere mit dem Zug. 7:45, die Fahrt beginnt! Ein wolkenloser Himmel verspricht einen heißen Julitag, die Sonne steht bereits hoch und heizt die Luft merklich auf.

Zur gleichen Zeit befindet sich ein Lastwagen des VEB Minol (Volkseigener Betrieb) auf der Bundesstraße 81 in Richtung Ballenstedt.

Der Zug nähert sich mit ca. 85km/h dem Bahnübergang in Langenweddingen. Der Schrankenwärter bekommt die Order die Schranken herunterzulassen. Das von der Hitze ausgedehnte Telefonkabel, welches an der Bahnlinie entlang verläuft, hängt extrem tief und bewegt sich im Wind. Eine der Schranken verfängt sich darin und lässt sich nicht schließen. Vergebens versucht der Wärter die Schranke durch Auf- und Niederkurbeln zu befreien. Der Fahrdienstleiter erkennt das Problem, versäumt jedoch sofort das Signal auf Halt zu stellen. Er sieht einen Bus ankommen und rennt diesem entgegen um ihn zu stoppen. Dabei entgeht ihm der Tanklaster, der im selben Moment aus der anderen Richtung kommt. Der Lokomotivführer des im Bahnhof wartenden Zuges der Gegenrichtung erkennt die Situation und gibt noch ein Notsignal ab. Zu spät! Die Ereignisse überschlagen sich von nun an.

Fast ungebremst rast die Dampflokomotive in den Lastwagen und reißt dessen mitgeführten Tank auf. 15.000 Liter Leichtbenzin entzünden sich in einer Explosion und verteilen sich über den gesamten Zug. Ein flammendes Inferno bricht über die Fahrgäste herein. Die meisten von ihnen und vor allem die Kinder haben nicht die geringste Chance. Die Erzieher haben in einem Anflug von Übervorsicht die Wagontüren von innen verschlossen.

Ein Kind das irgendwie herauskommt wird später folgendes berichten: “Ich kletterte durch ein Loch in der Wand nach außen und klopfte die Flammen an meiner Kleidung aus. Dann stieß ich auf ein Mädchen, das an verschiedenen Stellen des Körpers brannte. Sie flehte mich um Wasser an. Da ich nicht reagierte, weil ich unter Schock stand, entfernte sie sich wieder. Sie ging auf eine Pfütze zu und sprang hinein. Sie dachte, es wäre Wasser aber es war eine Benzinlache”.

Ein anderer Augenzeuge berichtet von einem Lehrer der immer wieder zu dem brennenden Zug zurückging, um Kinder zu retten. Er wird später seinen starken Verbrennungen erliegen.

Die Bahnarbeiter werden zu jeweils 5 Jahren Haft verurteilt. Einer der beiden nimmt sich später das Leben.

© AlfonsX 2021-06-11

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