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Trautes Heim

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Trautes Heim | story.one

Als wir uns kennenlernten, habe ich noch in Liesing gewohnt. Nur kurze Zeit später stand ein Umzug an, da ich aufgrund meines Jobwechsels auch die firmenvermittelte Wohnung wechseln wollte – quasi ein Neubeginn auf ganzer Linie.

Dass es gar nicht so einfach ist in Wien eine leistbare Wohnung zu finden, war mir klar. Dass es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist, bekam ich erst mit, als ich mich auf die Suche machte. Mein bescheidenes Budget erlaubte nicht viel, und was erschwinglich war, war entweder fern jeder Kritik oder ganz schnell weg. Darum musste ich auch viel Fantasie aufbringen, als ich für die Wohnung in der Erlachgasse unterschrieb, denn sie war noch eine absolute Bruchbude, als ich sie besichtigte, sollte allerdings vor dem Einzug renoviert werden.

Nach der Besichtigung rief ich dich an und erzählte dir von meiner neuen Errungenschaft. Da stellten wir dann fest, dass es das Schicksal wohl gut mit uns meint - mein neues Zuhause war gerade mal zwei Gassen von deiner Wohnung entfernt. So kam es, dass wir mehr oder weniger Nachbarn wurden. Wir waren immer in der Nähe des anderen, auch wenn wir mal Freiraum brauchten.

Ein gutes Jahr lief das so, bis du mir irgendwann verkündet hast, dass du von deinem Großonkel ein Haus überschrieben bekommst und dort einziehen wirst. Es war nicht so sehr die Nachricht an sich, die mich nachdenklich stimmte. Hatten wir das letzte Jahr quasi Tür an Tür in Favoriten gelebt, wolltest du demnächst an den nördlichen Rand von Wien ziehen - für mich eine gefühlte Weltreise. Da ich mein berufsbegleitendes Studium begonnen hatte, kam ich drei Abende pro Woche spät abends nachhause. Mit deiner Wohnung in der Nähe war es kein Problem, dass du danach zu mir kommst und bei mir übernachtest. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass du das auch vom anderen Ende der Stadt machen würdest. Also sah ich deinem Umzug sehr skeptisch entgegen. Eine Kostprobe bekam ich, als du in deinem neuen Haus übernachtet hast, als Onkel Peter auf Schiurlaub fuhr und Tante Erika sich wohler fühlte, wenn jemand in der Nähe ist. Der Vorgeschmack gefiel mir gar nicht.

Dir muss es wohl ähnlich ergangen sein. Warum ich das weiß? Weil es nicht lang dauerte, bis du mir die Frage stelltest! Nein, nicht die Frage aller Fragen, aber sozusagen die Vorstufe dazu. Du hast mich gefragt, ob ich mit dir in dein Häuschen ziehen will. Und ich wollte, und wie ich wollte! So kam es dazu, dass wir das Haus gemeinsam einrichteten, die Küche planten, darüber sinnierten wo etwas hin soll. Wir schufen uns unser erstes gemeinsames Zuhause. Auch wenn es alt und verwinkelt war, wir freuten uns auf unser neues Heim.

Du hast das Haus gern gemocht, ich mochte vielmehr die Vorstellung mit dir zu leben. Das war der Grundstein für ein gemeinsames Sein - unser Sein. Es sollte noch eine Weile dauern, bis dann tatsächlich die Frage aller Fragen kam, die das Gemeinsame besiegelte.

© Amela Müllner-Avdić 2021-06-10

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