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Hanna — 16

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Hanna — 16 | story.one

Nach einiger Zeit schlief ich dennoch ein und wurde von meiner Frau, Linda, geweckt. Ich hatte heute einen freien Tag aufgrund Urlaubabbaus. Ich verbrachte den ganzen Tag am Computer und Handy um mich mit der Krankheit vertraut zu machen. Die Ergebnisse waren ernüchternd, aber ich würde mein ganzes Geld und meine Zeit investieren, nur um meiner Frau die beste Behandlungsmöglichkeit bieten zu können.

Nach vier Monaten hatte Linda bereits eine Chemotherapie hinter sich und es schien angeschlagen zu haben. Sie durfte wieder nach Hause und unser Sohn, Bernd, freute sich sehr darüber. Nicht nur ich hatte Linda vermisst. Sie erholte sich langsam von der Chemotherapie und wir machten kurze Spaziergänge am Hof. Am liebsten aber saß sie in ihrer Hollywoodschaukel und beobachtete Bernd beim Spielen. Wir kochten gemeinsam und hatten viel Spaß miteinander. Es war wie früher, als noch alles gut war.

Nach drei Monaten verschlechterte sich ihr Zustand rapide und die nächste Chemotherapie stand aus. So packten wir mit Tränen erneut die Koffer und ich fuhr mit meinem Sohn und Frau in die Klinik. Und auf der Hinfahrt passierte es. Ein betrunkener Autofahrer fuhr uns von hinten auf, mit schnellerer Geschwindigkeit als erlaubt. Wir wurden über die Straße geschleudert und wurden durch einen LKW gestoppt. Mehr weiß ich Gott sei Dank nicht mehr. Als ich nach Wochen aus dem Koma erwachte, wurde mir schonend beigebracht, dass meine Frau und mein Sohn den Unfall leider nicht überlebt hatten. “

Michael sah Hanna mit Tränen in den Augen an und wollte noch etwas ergänzen, doch die Trauer und die Tränen überfielen ihn. Schluchzend stand er gekrümmt da und Hanna beschloss ihn zu trösten, indem sie ihn in den Arm nahm. Am Anfang wehrte er sich noch kurz dagegen aber dann nahm auch er Hanna in seine Arme und es schien als würden sie sich beide trösten und Kraft schenken. Nach einer Weile lösten sie sich wieder voneinander und sahen sich in die Augen. Hanna wischte sich die Tränen vom Gesicht und versuchte Zeit zu gewinnen um die passenden Worte für so ein mieses Schicksal zu finden. Doch sie fand keine und wandte sich wieder diesem atemberaubenden Ausblick auf die Berge zu. Im nächsten Moment umarmte Michael sie von hinten und legte sein Gesicht in ihr Haar. So standen sie minutenlang da und jeder dachte an die, die er bereits verloren hatte.

Hanna dachte an ihr erstes Gespräch mit ihrer Großmutter mütterlicherseits. Sie hatte erfahren dass ihre Mutter als sie noch klein war ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hatte. Ihre Großeltern wollten nichts mehr von ihr wissen und brachten sie in eine Pflegefamilie. Diese traten nach ihr und sie musste vom Boden essen. Sie musste immer öfters die Familien wechseln, wenn diese ihrer müde wurde. In fast jeder Pflegefamilie erfuhr sie psychischen Missbrauch und erfuhr nie Liebe von einem nahestehenden Menschen. Als sie alt genug war, riss sie aus und fiel den Drogen zu Opfer, um damit ihren Schmerz zu betäuben.

© AmyEck 2021-05-04

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