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#familienwahnsinn#normalanders#eigenartig

Impfung à la Lieblingstochter

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Impfung à la Lieblingstochter | story.one

Das erste Impfereignis, das der damals Einzige und nunmehr Älteste bewusst miterlebt, beginnt mit einem „Wir gehen zur Kinderärztin.“

Reaktion? Tatendrang. Tapselt ins Vorzimmer und holt seine Schuhe. Und gleich auch meine. Sein Gehör ist perfekt auf „Wir gehen...“ konditioniert - da braucht’s Schuhe, what else - , der Rest ist vernachlässigbar.

In der Ordination: Die Kinderärztin setzt sich zu ihm, die Spritze in der Hand, redet in sanftem, beruhigendem Tonfall mit ihm, bereitet ihn vor. Reaktion? Neugier. Ärztin und Spritze werden genau beobachtet. Abwechselnd.

Die Kinderärztin setzt die Spritze an. Reaktion? Die Neugier verschwindet aus dem Gesicht, die Mundwinkel wandern nach unten, die Augen verengen sich. Alles gaaanz laaaaang-saaam, in Zeit-luuuu-peee. Die Mundwinkel sind irgendwann ganz nach unten gezogen, die Lippen und der ganze, noch geschlossene, Mund fangen an zu zittern. Die Augen blicken rettungssuchend zu den zu den Eltern. Dann öffnet sich der Mund, langsam, geräuschlos, die Öffnung wird größer und größer. Nach wie vor - kein Ton. Das ist der Beweis, denk‘ ich mir, dass das Licht eindeutig und bei weitem schneller ist als der Schall. Wir sehen ihn schreien, hören es jedoch nicht. Aber dann - das Licht ist gefühlt eine Ewigkeit voraus - trifft auch der Schall ein. Ein ohrenbetäubendes, herzzerreißendes Schreien, Weinen. Der Arme!

Auch die zweite Impfung des Ältesten wird mit einem „Wir gehen zur Kinderärztin.“ eingeleitet. Reaktion? Toben, Schreien, pure Angst. Er weiß, was auf ihn zukommt.

Irgendwann dann steht auch bei der Lieblingstochter, zwei Jahre jünger als ihr großer Bruder, eine Impfung an. Der Anfang ist bekannt: „Wir gehen zur Kinderärztin.“ Tatendrang, Getapse, apportierte Schuhe.

Je näher wir der Ordination kommen, desto mehr graut uns vor dem, was uns erwartet. Dann, drinnen, bei der Kinderärztin. Unsere Nerven zum Zerreißen gespannt. Was haben wir vorab überlegt, wie wir die Süße ablenken könnten! Was haben wir versucht, damit sie den Stich nicht wahrnimmt, geschweige denn sieht! Nichts davon hat geholfen, auf nichts hat sie reagiert.

Ihr Blick? Gebannt auf die Ärztin gerichtet. Und auf die Spritze in ihrer Hand. Verfolgt GENAU, was die Ärztin tut und welchen Weg die Nadel nimmt.

Was danach kommt? Mit Vielem haben wir gerechnet, auf Vieles waren wir gefasst - Tränen, Geschrei, Gezeter, .... . Aber weit gefehlt, weit daneben.

Die Nadel durchstößt die Haut, der Impfstoff verläßt die Spritze - alles unter genauer Beobachtung durch die Augen der Lieblingstochter. Und als die Nadel ihren Körper wieder verlässt - schläft die junge Dame einfach ein. Kein Ton, keine Regung. Und wacht erst eine Stunde später, längst zu Hause, wieder auf. Fast schon provokant.

© Andreas Trimmel 2020-04-07

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