skip to main content

#tod#hass#liebe

Was Liebe alles anrichten kann

  • 29
Was Liebe alles anrichten kann | story.one

Liebe. Ständig denke ich über die Liebe nach. Wie sollte ich auch anders können? Sie ist ein Rätsel. Und dieses Rätsel möchte ich knacken. Da gibt es nur ein Problem. Er ist nicht leicht zu knacken. So viele haben es schon versucht. Wieso sollte also ausgerechnet ich das schaffen? Ich bin ein Nichts. Deswegen interessiert er sich auch nicht für mich. Verübeln kann ich es ihm nicht. Ich weiß selber, dass ich nicht interessant bin. Und, dass ich abscheulich und ekelig bin. Dass ich es nicht wert bin, zu leben. Das sagen sie mir täglich. Alle in meiner Schule. Sie sagen es dann, wenn kein Lehrer da ist. Sie sind hinterhältig, das weiß ich, aber trotzdem glaube ich ihnen. Ich höre ihre Stimmen, ihre Worte, die ich nicht vergessen kann. Sie wiederholen sich in meinem Kopf wie eine Schallplatte.

“Wie kannst du nur mit dir leben?”

“Keiner würde dich vermissen, wenn du sterben würdest. Es wäre sogar schön, wenn das passieren würde.”

“Verpiss dich, du dreckiges Schwein, keiner will dich hier haben.”

Jeden Tag sagen sie mir das. Jeden beschissenen Tag. Irgendwann gab es einen Punkt, da konnte ich nicht mehr. Da war ich nicht mehr stark genug, die Mauer aufrecht zu erhalten, die mich vor ihren Gemeinheiten schützte. Ihre Worte zerstörten sie wie Bomben eine Mauer im Krieg. Es gibt nur einen Unterschied. Das hier ist kein Krieg, denn ich kämpfe nicht. Ich wehre mich nicht. Wie denn auch? Ich bin allein. Keiner steht mir zur Seite. Und das nur, weil ich so bin, wie ich bin.

Ich habe erkannt, wer ich bin, als ich auf ihn traf. Als die Liebe in mein Leben einschlug. Ganz plötzlich. Ohne Vorwarnung. Ich wusste, dass es besser ist, zu verheimlichen, wer ich bin, weil ich mir sicher war, dass ich dann so gut wie tot bin. Und ich hatte recht. Nur leider hat mich mein eigener Freund verraten. Er hat verraten, wer ich bin. Ich habe ihm vertraut. Jetzt steht er mir gegenüber und sagt verletztende Worte, die sich wie ein Messer in meine Brust rammen. Diese Stiche werden für immer bleiben, das weiß ich.

Ich liebe ihn. Und ich kann nicht damit aufhören. Ich wünschte, ich könnte es. Dann müsste ich all das nicht ertragen. Dann müsste ich diese Worte, aber auch den Schmerz der unerwiderten Liebe nicht ertragen. Liebe ist unberechenbar. Und gemein. Nur wegen der Liebe sagen sie all die schrecklichen Dinge. Nur, weil ich anders liebe als sie. Sie sagen, es ist falsch, so zu lieben, wie ich es tue. Mittlerweile glaube ich es ihnen. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich so liebe, aber auch dafür, dass ich ihnen das glaube. Woher wissen sie, was falsch und was richtig ist?

Ich kann nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr. Die Liebe hat mich zu dem gemacht, was ich bin: Eine lebende Leiche. Ein Zombie. Ich bin nur noch eine unwichtige Existenz, mit der keiner etwas zu tun haben will. Auch nicht der Junge, den ich liebe.

Sie hassen mich deswegen. Sie verabscheuen mich, weil ich diesen Jungen liebe. Sie wünschen mir den Tod, weil ich selber ein Junge bin. Und ich wünsche ihn mir auch. Ich habe keine Kraft mehr.

© Anna-Lena Gutscher 2021-02-23

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.