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#1sommer1buch

Erster Kuss

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Erster Kuss | story.one

Du hast einen besonderen Platz in meinem Herzen. Immerhin warst du mein erster Kuss. Den behält man sich gut behütet in einem kleinen Kästchen in einer der unzähligen Gehirnwindungen. Hin und wieder öffnet man es dann und erinnert sich selig lächelnd an damals.

Es war bereits Abend und alle schliefen schon tief und fest. Alle außer dir und mir. Ich saß auf dem Tisch und du auf der Bank – wir waren somit fast auf Augenhöhe. Wir haben uns gegenseitig aufgezogen, um unsere Nervosität zu überspielen. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass du mich küsst, und war doch zu schüchtern, um den ersten Schritt zu wagen.

Wir haben unsere Nasen aneinander gerieben – uns einen Eskimo-Kuss gegeben – und schüchtern gelächelt. Du hast meine Hand ergriffen und auf meinen Handrücken Herzen gemalt mit deinem Daumen.

Irgendwann sind wir dann in die Küche, weil du Durst hattest und dann saßest du auf der Anrichte und ich stand vor dir auf den Zehenspitzen. Deine Beine hast du um mich geschlungen und ewig haben wir uns nur angelächelt und Nasenküsse ausgetauscht.

Dann hast du mich geküsst. Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich und die Schmetterlinge in meinem Bauch flogen Loopings. Ich war so perplex, so überfordert, dass ich einfach nur dastand und mich küssen ließ. Ich hätte nicht gewusst, wie ich reagieren soll, was ich machen soll. Als der Kuss vorbei war, war ich immer noch sprachlos – und das soll was heißen. Ich habe meine Arme um dich geschlungen und selig vor mich hingelächelt.

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, aus Angst, dass du es bereust mich geküsst zu haben. Den nächsten Vormittag über musste ich mich noch gedulden, bis wir wieder alleine waren und dann habe ich die Initiative ergriffen und dich geküsst – ganz heimlich, damit es niemand mitbekommt.

In den darauffolgenden Wochen haben wir uns noch oft geküsst. Jeden Abend warteten wir, bis alle im Bett waren. Niemand sollte von uns erfahren, damit man uns nicht veräppeln konnte. Die Nacht wurde für uns zum Tag. Wir haben geredet, geblödelt, uns gegenseitig angestachelt und uns geküsst. Du warst soviel größer als ich, sodass ich mich auf die Zehenspitzen stellen musste.

Das war einer der schönsten Sommer überhaupt. Deinetwegen oder besser gesagt dank dir. Leider war auch dieser Sommer irgendwann zu Ende.

© Anna Pichler 2020-07-24

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