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#konsum#enttäuschung#träume

Feigendiebin

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Feigendiebin | story.one

Es war Wäschetag. Überall hingen frisch gewaschene Laken, die schon für die nächsten Touristen am Trocknen waren. Es roch überall nach demselben Waschmittel, als hätten alle alten Damen des Dorfes sich den gleichen Geheimtipp aus dem Prospekt vor 20 Jahren gegeben. Es roch nach Heimat. Das hatte der Waschmittel-Hersteller damals wohl nicht berücksichtigt: “Strahlende Reinheit und bleibende Nostalgie im Herzen, lange nachdem Sie schon abgereist sind."

Ich überquerte den Zebrastreifen, der eigentlich nur eine Formalität darstellte, da niemand wirklich anhielt, und machte mich auf den Weg zur Bäckerei, um frisches Weißbrot zu holen, das nur exakt 18 Stunden brauchte, bis es wie Pappe schmeckte. Ich entschied mich, einen Umweg zu gehen, der am Meer entlang und durch einen verwachsenen Hinterhof führte. Es handelte sich zwar um ein Privatgelände, jedoch wohnte dort seit Jahren niemand mehr und die lila Fassade blätterte schon ab. Es gab einige solcher Grundstücke hier im Dorf - verlassen und vernachlässigt, denn woanders auf der Welt konnte man mehr aus dem Leben holen als hier. Einen besseren Lebensstil pflegen.

Alles im Leben braucht Pflege. Man sagt sich, man würde sich selbst mehr Zeit widmen, sobald man die Eltern nicht mehr pflegen muss, sobald man doch nur dies oder jenes in Ordnung gebracht hat, sobald man einen guten Job gefunden und ein bisschen Geld angespart hat. Fakt ist, Pflege und Aufrechterhaltung hören nie auf - außer man hat Menschen, die das entgeltlich für einen erledigen. Vielleicht ein größeres Haus, einen kleinen Garten, dann muss man auch nicht mehr so oft mit dem Hund raus und man hat mehr Zeit für die anderen Dinge, die man gerne tut. Man hat auch mehr Platz zum Atmen, aber gleichzeitig nimmt die Kreditrate einem die Luft weg, wenn man das Konto schon zu Beginn des Monats überzogen hat. Vielleicht können das ein paar Apartments wieder wettmachen - die vermietet man dann einfach im Sommer, das kostet ja nicht so viel und es ist doch schön, neue Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen. Ehe man sich versieht, steht ein weiteres Grundstück zum Verkauf bereit und ein fremdes Mädchen mit Millionen Gedanken im Kopf, schaut auf die abblätternde Fassade und füllt ihre Taschen mit den süßen Feigen, die man in dem anderen, besseren Land für einen Euro pro Stück kaufen kann. Mit süßen Feigen, die als einziges auf dieser Welt keine allzu große Pflege brauchen, um jemanden glücklich zu machen. Vielleicht sollten wir alle mehr wie Feigenbäume sein.

© Anna Radonic 2021-11-15

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