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#sprechen#meeting#nichtsomeinding

Seit ich denken kann

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Seit ich denken kann | story.one

Wir sitzen in der Runde. Virtuell. Es ist Montag und wieder einmal steht die Besprechung der Wochenplanung an. Ich höre wie immer zu – als Werkstudentin, die seit eineinhalb Monaten dabei ist, hat man noch nicht viel zu sagen. Fünfzehn Minuten vergehen, es wird über das Wochenende gequatscht und ich lese nebenbei meine Mails. Plötzlich fällt mein Name und ich horche auf.

„Macht dir das eigentlich Spaß?“

Ich schweige. Meint er wirklich mich? Ich gehe das Risiko ein und mache mein Mikrofon und meine Kamera an. Ich gehe auch mal tapfer davon aus, dass er die Arbeit in der Agentur meint.

„Ja, total.“

„Ich weiß ja nicht, was dein beruflicher Background ist, aber deine Texte sind immer sehr professionell und gut geschrieben. Kommst du aus dem Marketing-Bereich?“

„Nein, ich habe noch nie Marketing-Texte verfasst, aber ich verfasse viele andere Texte …“, ich überlege kurz, wie man „poetische“ Texte umschreiben könnte, sodass es nicht allzu seltsam klingt. Und, wenn ich ihnen von meinen Gruselgeschichten in der Grundschule erzähle, kommt das bestimmt auch komisch rüber. Wobei ich sehr stolz darauf bin, dass ich durch das Schreiben zu Hause, in der fünften Klasse die Einzige war, die schon das Zehn-Finger-Tippen beherrschte und sich damit eine eins mit Sternchen im IT-Unterricht sichern konnte.

„Ich schreibe schon, seit ich denken kann.“

Ganz große Klasse, Anna. Du schreibst, seit du denken kannst. Du schreibst, seit du schreiben kannst, du Idiot. Ich grinse nervös in die Kamera und hoffe, dass sie verstehen, was ich meine. Sie grinsen alle zurück und mit einem abschließenden „Zum Texten könnt ihr dann in Zukunft einfach Anna anschreiben“ wechseln sie das Thema und ich bin erstmal aus dem Schneider. Zum Glück.

Genau wegen solcher Situationen verehre ich das Schreiben. Ich habe Zeit, nachzudenken und bin niemandem eine Antwort schuldig. Ich muss nicht zuhören nur in mich hören und sobald ich nicht mehr hören kann, spreche ich auf Papier.

© Anna Radonic 2021-04-19

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