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#therapie#depressionen#phobie

Therapiert I

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Therapiert I | story.one

„Dann erzählen Sie doch mal, wieso Sie hier sind. Was beschäftigt Sie und wie kann ich Ihnen helfen?”, der Therapeut saß mir mit seinen langen Beinen und einer etwas zu kurzen Hose gegenüber. Wüsste ich nicht, dass Professionalität sein zweiter Name ist, würde ich fast schon etwas Spannung in seinem Gesicht lesen.

„Ich weiß gar nicht so genau, wo ich anfangen soll. Also, ich habe da so ein Set an Unterwäsche. Das sind Unterhosen mit den Namen der Wochentage darauf. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag. Ich frage mich schon seit längerer Zeit, ob man die Unterhose für den heutigen oder den morgigen Tag anzieht, wenn man Abendduscher ist. Naja, jedenfalls habe ich mir das Set geholt, weil ich als Kind mal solche Unterhosen hatte. Und immer, wenn ich gerade überlege, welcher Wochentag ist, werde ich ein wenig traurig, wissen Sie? Als Kind denkt man gar nicht so viel über die Wochentage nach. Klar, man hat vielleicht keine Lust auf Mittwoch, weil man da die Doppelstunde Mathe hat, aber generell bedeuten die Wochentage einem nicht so viel, weil man eh nur zur Schule geht, um seine Freunde zu treffen. Wochenende hat nur noch mehr Freunde und Spaß bedeutet. Jetzt ist das anders. Jetzt ist das Einzige, was von meiner Kindheit übriggeblieben ist, ein frisch gebackenes Wespennest der Oma meiner besten Freundin, die ich schon seit der zweiten Klasse kenne. Meine Oma wohnt nämlich ziemlich weit weg. Meine ganze Familie wohnt weit weg. Aber an sich ist das eigentlich nichts Neues. Sie wohnen schon seit mehreren Jahren weit weg – von mir und voneinander. Jetzt bin ich erwachsen und eine fremde Stadt hat mich mit ihrer vierzig-Stunden-Woche in ihrem Klammergriff und manchmal habe ich Schwierigkeiten, richtig zu atmen. Also, alles in allem, machen mich Wochentage ziemlich traurig. Das Problem ist aber nicht, dass ich einen Mangel an Glückshormonen habe, sondern einfach einen Überschuss an Trauerhormonen, verstehen Sie? Ich bin an sich kein trauriger Mensch“, ich holte tief Luft und war stolz darauf, dass ich ihm mein Problem etwas näherbringen konnte. Aber den Kern habe ich wohl nicht ganz getroffen. Wüsste ich nicht, dass Professionalität sein zweiter Name ist, würde ich fast schon etwas Verwirrung in seinem Gesicht lesen.

„In Ordnung, Sie fühlen sich in letzter Zeit also überdurchschnittlich traurig und ausgelaugt, wenn ich das richtig verstehe?“, er schrieb etwas in sein Notizbuch. Ich wusste gar nicht, dass man das heute noch handschriftlich machte. Er gehörte wohl zur alten Klasse.

Ich setzte nochmal an: „Da gibt es doch auch dieses Buch ‚Das Kind in dir muss Heimat finden‘. Ich schiebe diese Lektüre ehrlich gesagt die ganze Zeit schon auf – aus Angst, die Wahrheit über mich selbst herauszufinden oder auf Mainstream-Psychologie reinzufallen. Sie wissen ja, dass heutzutage jeder Coach und Psychologe ist und sein eigenes Buch veröffentlicht. Naja, wenn wir schon beim Thema Heimat sind …

© Anna Radonic 2022-02-28

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