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#allein#regen#fortgehen

Unterm Regenschirm

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Unterm Regenschirm | story.one

Er flüsterte mir zu. Unter diesem Regenschirm hatte ich schon längt vergessen, wie seine Stimme klingt. Der Regen war davongezogen, so wie die Erinnerung an uns. Und dennoch hielt ich diesen Regenschirm fest. Die letzten Tropfen rutschten den blauen Stoff herunter und ich war mir sicher, dass sie dabei lachten. Ich lächelte mit.

“Warum lächelst du?"

“Findest du nicht, dass der Regen lustig ist?"

“Das verstehe ich nicht."

Er verstand schon so lange nicht mehr. Es war nicht seine Schuld. Wolken ziehen, der Himmel bleibt und dennoch sehen wir jeden Tag einen neuen Sonnenuntergang.

Wir liefen schweigend weiter. Wieder flüsterte er. Wieso redete er nicht lauter? In seine Gegenwart war immer alles leise gewesen. Seit einiger Zeit schon klang die Stille viel zu laut. Wir hatten vergessen zu singen und Stürme als Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir lachten nicht mehr gemeinsam gegen das Gewitter an, nur noch er zuckte, wenn es blitzte und nur noch ich tanzte zum Donner.

“Ich werde fortgehen."

“Wohin?”, fragte er.

Ich deutete auf die Stelle, wo das Licht sich brach.

“Wusstest du, dass das Aufspalten des Sonnenlichts nur der erste Schritt zur Entstehung eines Regenbogens ist?”

Er schaute mich immer noch an, als wäre ich vom Himmel gefallen.

Ich trat hervor und schloss meinen Regenschirm.

Der Regen hatte wahrlich aufgehört.

© Anna Radonic 2021-04-12

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