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#familie#tod#krankheit

Zum sechsten Mal auf Wiedersehen

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Zum sechsten Mal auf Wiedersehen | story.one

Er drückte meine Hand – wenn man das überhaupt noch als Druck bezeichnen konnte – und wandte den Blick ab. Auch wenn seine Augen erst seit Kurzem trüb waren, so konnte er schon seit Jahren seine Zukunft nicht mehr sehen. Es ist schwer, jemandem beim Sterben zuzusehen, aber wie schwer ist es, seinem eigenen Tod entgegenzuwarten, während man noch voller Leben ist?

Ich hatte nie eine enge Bindung zu meinem Großvater gehabt, aber ich bin mit ihm aufgewachsen. Ein Mann, der sich seiner vielen Talente bewusst war und nur sich selbst am besten loben konnte. Er war nie wirklich in der Lage gewesen, seine Liebe zu zeigen und das kann man mit keinem Talent der Welt kompensieren. Kleine, unbeholfene Kneifer in die Wange, sein Boot als mein Namensvetter und das Schneiden des hausgemachten Parmaschinkens zu später Stunde, da nur er es so dünn schneiden konnte – alles kleine Zeichen seiner Liebe.

Seit sechs Jahren verabschiedete er sich nun von mir, denn ich konnte meist nur einmal im Jahr nach Kroatien zu Besuch kommen. Beim ersten Mal tat es weh, bei den nächsten vier Malen nahm ich es schon gar nicht mehr ernst, denn er war zäh und werkelte volle sechs Jahre mit einer Körpergröße von 1,86 und 48 Kilo im Garten herum und reparierte eines der vielen für mich unnötigen Dinge in diesem alten, riesigen, vollgestopften Haus. Ich sage “für mich”, denn für ihn war dieses Haus sein größter Stolz und voller Erinnerungsstücke aus seinem erfolgsträchtigen Leben, die er wohl am liebsten mit ins Grab genommen hätte. Der Sensenmann, Hades oder wer auch sonst für meinen Großvater verantwortlich war, muss ziemlich viele Abmahnungen bekommen haben.

“Ich habe vieles in meinem Leben erreicht und gemacht.” Ja, mein Großvater hatte vieles im Leben falsch gemacht. Vielleicht, ohne es zu wissen. Und wenn er es doch wusste, so wussten wir zumindest nichts davon.

Ob Gesagtes oder Ungesagtes – für den Verstorbenen spielt das danach wohl keine Rolle mehr und die Hinterbliebenen schenken sich spätestens nach dem Tod den Seelenfrieden, den sie davor nie hatten.

Dieses Jahr war das sechste Jahr.

“Ich werde dich nie wieder sehen.” Und diesmal wusste ich, dass es stimmte.

2 Monate später. Ich fahre mit dem Auto und habe meine Playlist auf Shuffle. Ein dalmatinisches Lied aus meiner Kindheit erwischt mich kalt und wirft mich in eine Zeit zurück, die noch voller kindlicher Hoffnung steckte und die eigenen Fähigkeiten und Intelligenz nur einem selbst dienten und niemand anderem.

Die Tränen lassen die Fahrbahn etwas verwischen und das einzige, woran ich denken kann ist, dass mein Großvater sich jetzt über den dalmatinischen Dialekt lustig gemacht hätte. “Das hat ja mit Hochkroatisch nichts mehr am Hut.” Die Tränen laufen.

Ich wünschte, ich hätte öfter für meinen Opa gesungen.

© Anna Radonic 2021-08-15

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