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#kinderfreundschaften#erwachsenwerden#bestefreundinnen

Die Person, die ich einmal kannte

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Die Person, die ich einmal kannte | story.one

Im Spiegel sehe ich sie zur Tür hereinkommen und erkenne sie sofort wieder. Ihre langen, naturblonden Haare, die blauen Augen. Die Grübchen auf ihrem schmalen, symmetrischen Gesicht, die erscheinen, sobald sie lächelt. Jetzt lächelt sie nicht, aber ich weiß, dass sie da sind. Matilda hat sich zu jener Schönheit entwickelt, die ihr jeder vorausgesagt hatte. “Wenn sie einmal groß ist, werden alle Jungs hinter ihr her sein“, hatte meine Mutter gesagt, damals, als Matilda und ich noch den ganzen Tag im Garten spielten. TKKG-Kassetten, Barbies auf gestreiften Picknick-Decken. Auch damals wusste ich schon, dass sie hübsch im konventionellen Sinne war. Vor allem aber war sie die perfekte Tochter. Sie stritt nicht mit ihrer Mutter, sie hatte keine Wutanfälle im Unterricht, sie bedurfte keiner besonderen Unterstützung durch die Lehrer. Trotzdem war sie mit mir befreundet, aus Gründen, die wohl auch ihr bald unerklärlich wurden.

Unsere Blicke treffen sich in diesem engen Vorraum der Toiletten und bleiben eine Sekunde zu lang aneinander haften. Sie hat mich ebenfalls erkannt, will etwas sagen, aber traut sich nicht. Weil ihr in diesem Moment die Machtstruktur in unserer Freundschaft bewusst wird, weil sie Angst hat, dass jede Frage nach dem weiteren Verlauf meines Lebens herablassend wirken könnte. Ich habe so viele Fragen. Warum sie sich nach der Grundschulzeit einfach nicht mehr gemeldet, unsere Treffen von ihrer eigenen Mutter absagen lassen hat. Hat sie sich für mich geschämt oder vor mir? Wir kennen uns nur als Kinder, wissen um unsere peinlichen Geheimnisse. Fantasien über Jungs, die wir uns auf Pyjama-Partys zuflüsterten. Erfundene Lieder, die wir in falschem Englisch sangen, Streitigkeiten mit anderen Kindern, zu denen wir ebenfalls den Kontakt verloren hatten. Wir kennen uns nur als die Menschen, die wir uns heute schämen, gewesen zu sein. Und es gibt nichts außer diesen unangenehmen Erinnerungen, das uns verbindet und über das verletzende Ende unserer Freundschaft hinwegtrösten könnte.

Ich will ihr sagen, dass sie sich in mir getäuscht hat. Dass ich nicht die Person geworden bin, die meine Lehrer und Eltern in Schreckensszenarien ausgemalt haben. Dass sie alles vergessen soll, was damals war, mein kindliches Ich am besten aus ihrer Erinnerung tilgen soll. Doch was bliebe dann noch übrig von uns? Wir wären nichts weiter als zwei Fremde, die sich zufällig auf der Toilette eines Shoppingcenters begegnet sind. Und deshalb schweigen wir. In diesem Schweigen wirkt jedes Hallo wie eine Beichte, jede Nachfrage nach dem Befinden nach dem Eingeständnis einer Vergangenheit, die wir beide vergessen möchten. Unsere Blicke lösen sich. Jeder Versuch, nun noch etwas zu sagen, wäre verzweifelt. Also gehe ich und lass sie hinter mir. Matilda, die Person, die ich einmal kannte.

© HaniaAlbers 2021-04-07

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