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#bauern#landwirtschaft#verletzungen

Fritz

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Fritz | story.one

Von Beginn an bezogen wir den größten Teil unserer Lebensmittel für Konditorei und Lokal von regionalen Bauern. Über unsere Eierlieferanten lernten wir dann schließlich Fritz kennen, weil wir jemanden suchten, der uns beim Umbau im Wohnhaus behilflich sein sollte. Er war selbst Landwirt und Milchbauer und betrieb ebenfalls noch eine kleine Baufirma. Jedesmal, wenn irgendeine Firma keine gute Arbeit geleistet hatte, wurde Fritz gerufen, außerdem hatte er sich auf die Sanierung von alten Häusern spezialisiert. Als wir uns zum ersten Mal trafen, stimmte sofort die Chemie. Da ich gerne selbst Hand anlege, auf unseren Baustellen, arbeiteten wir oft gemeinsam. Ich lernte viel von ihm. Er liebte, was er tat und war stets lustig bei der Arbeit. Ich war immer wieder erstaunt über die exzellenten Ergebnisse.

Ein paar Jahre später zogen wir dann um. Es war ein über 400 Jahre altes Hotel, mit einem Lokal im Erdgeschoss. Der Zustand war nicht schlecht. Man hätte auch sofort öffnen können, wenn wir unsere Ansprüche gen Null heruntergeschraubt und die Zumutbarkeit an unsere zukünftigen Gäste außer Acht gelassen hätten. Fritz war zur Stelle. In 8 Wochen würden wir aufsperren, es war viel zu tun. Wir entrümpelten, rissen die alten Böden heraus, mauerten, verputzten, legten Fließen und malerten. Er verbrachte viel Zeit bei uns. Manchmal hatten wir das Gefühl, dass er gar nicht wegwollte. Selbst als er sich mit einer Kettensäge in die Hand gesägt hatte, kam er mit seiner verbundenen Hand und arbeitete einhändig weiter. Ich wollte ihn nach Hause schicken, doch er lächelte nur. Wir wurden rechtzeitig fertig und konnten zum geplanten Termin eröffnen. Der Start gelang und das Rad begann sich zu drehen. Im Dezember luden wir ihn und seine Frau zum Essen bei uns ein. Man kann darüber streiten, ob es angebracht gewesen war, mit derselben Kleidung, mit welcher kurz zuvor der Kuhstall gereinigt wurde, ein Lokal zu besuchen. Wir freuten uns trotzdem. Fritz humpelte, er hatte sich mit einer Axt in den Fuß gehackt. Schon in diesem Moment dachte ich darüber nach und sorgte mich. Zwei schwere Verletzungen in einem Jahr, als Landwirt, Milchbauer und Betreiber einer Baufirma. Es war im März. Ich fuhr gerade zum Bauernmarkt und sah Fritz auf einem Baugerüst stehen. Mit einem Hupen machte ich auf mich aufmerksam. Er sah rüber und lächelte, so wie er immer lächelte. Die Woche darauf klingelte mein Telefon, Fritz stand auf dem Display, doch ich konnte nicht rangehen. Später rief ich zurück, niemand hob ab. Am nächsten Tag klingelte wieder das Telefon: „Hey Fritz!“ „Nein, hier ist nicht der Fritz, der Fritz hat sich am Montag das Leben genommen.“, erklärte seine Frau. Für einen Augenblick strömten all die schönen Erinnerungen an Fritz durch mich hindurch, sein Lächeln, sein freundliches Wesen. Bei jeder Wand, die ich verputze, denke ich mindestens einmal an Fritz und im gleichen Atemzug an all die Landwirte, die Jahr für Jahr, für unsere Lebensmittel schuften.

© Attila Moser 2020-11-22

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