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#1sommer1buch#abenteuer#liebe

Das Wetter schaut her

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Das Wetter schaut her | story.one

Es war ein Sommer der in meiner frühen Lebenszeit lag. Der Himmel zeichnete ein so präzises Blau, sodass er mit seiner Klarheit in meiner Erinnerung haften blieb. Fast war man versucht zu glauben, dass ein Regen, auch nicht nur für einen Tag, den Boden erreichen konnte. In dieser frühen Zeit aus meiner Erinnerung wurde noch vieles am Hof mit der Hand erledigt. Die hilfreichen Gerätschaften bei der Ernte waren nicht bestimmt für die kleinen Nebenerwerbsbauern, nicht für die Keuschler.

Doch das Blau des Himmels war trügerisch und es brauten sich schon um die Mittagszeit bedrohliche Gewitterwolken zusammen. Alles musste rasch gehen. Das Heu musste eingefahren und alle verfügbaren Hände mussten zusammen und zu den Heugabeln greifen. Mein Vater rief: „Das Wetter schaut her!" und jeder wusste was zu tun war. In meiner kindlichen und frühpubertären Widerstandsphase griff ich provokant langsam zum Werkzeug und demonstrierte mit meiner Gemächlichkeit meinen Widerwillen. Noch ganz in der Überzeugung hier fehl am Platz zu sein spürte ich ein Brennen zwischen meinen Rippen und Sekunden später setzte ein Jucken ein, das sich am ganzen Körper ausbreitete. Ein Jucken, das so unerträglich war, sodass ich innerhalb von Sekunden in eine unkontrollierte Panik verfiel, die meinen Atem lähmte. Damals wusste ich noch nichts davon, dass ein einziger Wespenstich mein Leben bedrohen und sogar beenden könnte. Innerhalb weniger Minuten schwoll mein Körper an und ich beobachtete wie aus der Ferne, dass die Knöpfe meines Arbeitsoveralls in Zeitlupe aufsprangen. Ich spürte wie meine Lippen dick wurden und die feine überstrapazierte Haut die Lippen platzen ließ. Hauchdünne Blutspuren zogen zarte Linien über mein Kinn. Die Augenlider quollen auf, so sehr, dass meine Augen nur mehr schemenhaft die Umgebung wahrnahmen. Ich begann zu schreien, doch niemand reagierte. Das Wetter schaute her und das war jetzt wichtig! Mein Vater schrie mich an: "Geh heim duschen, dann wird es schon wieder besser werden. Willst wieder nicht arbeiten. Dir ist auch jedes Mittel recht, dich vor der Arbeit zu drücken!" Mehr taumelnd als gehend versuchte ich den nahegelegenen Hof zu erreichen, vielleicht war tatsächlich eine kühle Dusche die Lösung. Am Weg begegnete mir unsere Nachbarin, eine Apothekerin die schnell erkannte, dass ich einen allergischen Schock hatte und mich kurzerhand ins Auto packte und mich ins Spital fuhr. Dann fiel ich in diese schöne, weiche ohnmächtige Welt und alles war weit weg und nichts war mehr spürbar. Als ich wieder zu mir kam, floss in kleinen Tropfen der Inhalt einer Infusion in meine Venen. Mein Körper hatte wieder ihre bekannte Form angenommen. Nur mein Gesicht war noch geschwollen und nicht wiederzuerkennen.

Die Regenwolken hatten sich über das Dorf und das einzubringende Heu ergossen. Dies war das größere Unglück an diesem Tag. Die Klarheit des Himmels mit dem Blau des Sommers war wieder gegenwärtig. Nach mir hat keiner gefragt.

© avadiva 2020-09-12

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