skip to main content

#freiheit#verantwortung#liebe

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

  • 295
Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf | story.one

Wenn es draußen kalt wird, der Nebel ihr den Blick verschleiert und der unaufhörliche und kalt durchdringende Nieselregen ihr den Weg nach draußen versperrt, dann holt sie ihre elektronischen Geräte hervor und findet ihren Platz vorm warmen Ofen. Fortan befindet sie sich in guter Gesellschaft.

Manchmal blickt sie von ihrem Handy, ihrem Tablet, ihrem Laptop auf. Ab und an nimmt sie ihre Kopfhörer, ihre Brillen ab. Hin und wieder tritt sie ins Außen. Es gibt gelegentlich Gründe dafür.

Aber meist kann sie nicht verstehen, was damit gemeint ist, wenn alle von Zusammengehörigkeit, Gesellschaft, Teamwork, Freundschaft und gemeinsamen Unternehmungen sprechen. Unverständnis steht ihr ins Gesicht geschrieben, wenn ihr erklärt wird, dass sie ins Museum, ins Kino, ins Theater, zu Weiterbildungen gehen soll um heil und ganz zu sein. Sie hat sich schon vor längerer Zeit zurückgezogen und sich ein Nest gebaut. Sie glaubt nicht daran, dass alle Menschen Gemeinschaftswesen sind. Bestimmt nicht alle.

Ihre Gerätegesellschafter bieten ihr alles, was sie braucht um teilzuhaben: Schreib-, Zeichen-Musik-Filmprogramme. Daneben Anleitungen, Diskussionen, Nachrichten, Wetterberichte, Radiosendungen, Podcasts. Keine einzige Darbietung, die sie wählt, wird gestört. Niemand hustet, keiner räuspert sich, keiner stinkt, flüstert, schwitzt, stiehlt ihr die Sicht oder kaut an den Nägeln neben ihr. Sie darf sich zu all dem Gesehenen und Gehörten wortstark äußern, darf ihren Gedanken freien Lauf lassen. Kann sich gegen den Genderirrsinn wehren, auf das Wetter fluchen, die Ungerechtigkeiten kommentieren, die Rechten lautstark beschimpfen, sich über die aktuelle Politik wundern, die hohe Kunst als Schwachsinn abtun oder dieses Gutheißen oder in die Tasten hauen, ohne sich dem Urteil eines Wettbewerbskomitees auszusetzen. Sie fühlt sich frei in ihren 4 Wänden, vor ihrem Ofen, auf ihrem Sofa, vor ihren Geräten. Hier darf sie alles. Schon in frühen Jahren hat sie erkannt, dass es in unserer Gesellschaft nicht erwünscht ist sich zu äußern, Stellung zu beziehen, eine Meinung zu haben, Rückgrat zu besitzen. Damit sie bestehen, ihr Geld verdienen konnte und ihr Auskommen fand, musste sie schnell lernen sich kryptisch auszudrücken, möglichst neutral zu formulieren, sich niemals festzulegen und ihre Stellungnahmen so anzulegen, um sie möglichst rasch wieder zu revidieren.

Wie viele Menschen braucht der Mensch? Ist nicht der Mensch, dem Menschen ein Wolf?

Für Enttäuschungen hat sie schon lange keinen Platz mehr und es hat sie schon immer zu wenig interessiert, was andere bewegt.

© avadiva 2019-11-26

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.