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#freiheit#lebensfreude#tod

Was bleibt?

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Was bleibt? | story.one

Es ist hinlänglich bekannt, dass das Sterben zum Leben dazu gehört. Und...obwohl wir dies wissen, hoffen wir doch inständig und in geheimer Weise, dass wir unsterblich sind. Aber ab einem gewissen Alter und ab einer schweren Krankheit fängt man dann doch an, sich einfach mehr Gedanken über das Sterben und den Tod zu machen. Sinnfragen kommen auf und ich stelle mir Fragen wie: "Was bleibt von mir?". "Wird sich über kurz oder lang überhaupt jemand an mich erinnern?". "Was hinterlasse ich?".

Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die durch herausragende Leistungen, durch ihre Kunst, ihre Intelligenz, ihre Errungenschaften in die Geschichte eingehen werden. Ich habe nur das getan, was die meisten Menschen tun. Auf die Welt kommen, in die Schule gehen, (Kindergarten habe ich ausgelassen) Ausbildung machen, einen Beruf ausüben, Kinder bekommen, heiraten, ein Haus bauen, Schulden machen, Kinder großziehen, sich scheiden lassen, wieder heiraten, Schulden abzahlen, die alten Eltern pflegen und alle damit verbundenen Pflichten erfüllen und fleißig über Jahrzehnte im Hamsterrad laufen, bis man dann selbst bald ins Gras beißt.

Wie sagte Heinz Erhardt einst so treffend:

"Kaum, dass auf diese Welt du kamst, zur Schule gingst, dir Gattin nahmst, dir Kinder, Geld und Gut erwarbst, schon liegst du unten, weil du starbst."

Also, was bleibt von mir? Mein Haus ist zwar sehr außergewöhnlich und von Architekten entworfen, aber bei genauer Betrachtung eine designte Baracke und von sehr schlechter Qualität. Und... ich bin mir nicht sicher ob das Haus mich überhaupt überlebt. Im Beruf habe ich zwar einige Konzepte entwickelt und diese auch erfolgreich umgesetzt, aber ob sich daran überhaupt jemand erinnert? Keine Ahnung? Vielleicht denken meine Kinder hin und wieder an mich, aber vermissen werden sie mich vermutlich auch nicht. Vielleicht vermisst mich mein Mann? Wir haben eine gute Ehe, aber wir sind auch sehr eigenständige und unabhängige Menschen und da ist es nur eine Frage der Zeit, wann man aus den Gedanken und aus dem Sinn des Anderen entschwindet. Überhaupt ist alles im Leben immer nur eine Frage der Zeit.

Heute bekomme ich ein Whatsapp von der Freundin meines Sohnes. Sie fragt mich ob ich mit ihr zu einer Lesung von David Sedaris neustem Buch "Calypso" mitkommen möchte. Leider kann ich aus terminlichen Gründen nicht, aber ich bedanke mich bei ihr und sage ihr, dass ich mich über das Angebot sehr freue und ob sie sich erinnert und weiß, dass er zu meinem Favoriten zählt und er einer meiner hoch geschätzten Autoren ist? Sie war als Kind und Jugendliche sehr oft bei uns im Haus und ich habe meinen Kindern und ihren Freunden bei Gelegenheit gerne aus meinen Lieblingsbüchern vorgelesen. Da schreibt sie mir zurück: "ja sicher erinnere ich mich, ich kenn ihn ja von dir!" Dass sie sich erinnert, hat mich tief berührt.

Ferdinand von Schirach sagt: "Der Tod ist die Heilung vom Leben". Das ist tröstlich!

© avadiva 2019-09-07

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