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#1sommer1buch#glĂŒck#arbeit

Jul, der Alkohol und die Arbeit

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Jul, der Alkohol und die Arbeit | story.one

Meine Kollegin war mit ihrem Beratungslatein am Ende. Sie hatte keine Ideen mehr in welche Richtung es beruflich mit ihrer Klientin weitergehen sollte. Sie bat mich die weiteren Termine zu ĂŒbernehmen.

Das sommersprossige junge MĂ€dchen, das mir gegenĂŒber saß, wirkte flatterhaft und nicht greifbar. Ein Luftwesen, das nach ihrem Studium der PĂ€dagogik die Welt bereiste und nun einen Versuch startete seßhaft zu werden. Alle Fragestellungen zum Thema Job, Beruf und Karriere blieben unverbindlich. Es konnte ALLES und ebenso gut NICHTS sein.

Nach unzĂ€hligen Terminen ohne Ergebnis, wurde bei uns im Haus eine Stelle ausgeschrieben. Auch mir fehlte es mittlerweile an Ideen und so gab ich eine Empfehlung ab. Eine Grundvoraussetzungen war, dass die neue Mitarbeiterin einen pĂ€dagogischen Hintergrund hatte und Beratungskompetenz mitbringt. Sie wurde meine Kollegin. Mit ihr teilte ich mein BĂŒro. In diesem Zusammenhang bekam ich immer mehr Einblick in ihr Leben.

Sie kam aus einer Wirtshausfamilie und sie kam schon sehr frĂŒh mit Alkohol in BerĂŒhrung. Es gehörte dazu die Leute bei Laune zu halten und sie zum Trinken zu ermuntern. Dass sie mittrank war fĂŒr sie nicht ungewöhnlich, es gehörte einfach dazu. Unverbindliches GeplĂ€nkel und oberflĂ€chliches SprĂŒche klopfen stand an der Tagesordnung und erhöhte den Umsatz.

Seit sie mit mir im BĂŒro saß nahm ich sie als Gelegenheitstrinkerin wahr und sie suchte jede erdenkliche Gelegenheit um zu Trinken. Mit hoher Überzeugungskraft versuchte sie bei jeder Firmenfeier, jeden Betriebsausflug und jeder Geburtstagsfeier alle zum Trinken zu ermuntern. Es war ihr wichtig andere davon zu ĂŒberzeugen, dass ihr Trinkverhalten sich nicht von anderen unterschied: " Ich trinke nicht mehr als all die Anderen!" Aber seit ich sie kannte wurde es stĂ€ndig mehr. Die NĂ€chte die sie durchzechte hĂ€uften sich, die Tage an denen sie nicht im BĂŒro erschien mehrten sich. Sie sprach offen ĂŒber ihre Filmrisse, ĂŒber die Übergriffe von MĂ€nnern zu spĂ€ter Stunde, ĂŒber die flehentlichen Anrufe von ihrem Freund doch endlich nach Hause zu kommen, ĂŒber Streitigkeiten und aggressive Angriffe im Suff, ĂŒber Beleidigungen und GrenzĂŒberschreitungen. Sie hielt mit nichts hinterm Berg und versuchte dabei dennoch all ihre Exzesse zu verharmlosen. Inzwischen befand sich fĂŒr die Wiederherstellung der FunktionsfĂ€higkeit ein Flachmann in der Schublade ihres Schreibtisches.

Jul hat diese Woche gekĂŒndigt, sie ist ĂŒberzeugt, dass die tĂ€gliche Pflicht und die Routine fĂŒr die tĂ€glichen Ausschweifungen verantwortlich sind. Sie trĂ€umt davon auf einer Alm zu arbeiten, sich frei zu machen von all den Verpflichtungen. Sie will wieder auf Reisen gehen, sie will in einer Schule unterrichten. Sie hat wieder die unverbindlichen Ziele die zu nichts fĂŒhren.

Suchtkranke Menschen sind gekrĂ€nkte Menschen. Mit Suchtmitteln versucht man die Wunden zu schließen. AbhĂ€ngig zu sein heißt, seine Freiheit zu verlieren.

© avadiva 2020-08-16

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