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#freundschaft#liebe#hoffnung

Margot und kein Alkohol

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Margot und kein Alkohol | story.one

Der erste Schluck Alkohol den ich in sehr jungen Jahren zu mir nahm hinterließ ein wohlig warmes Gefühl in meinem Inneren. Alle um mich herum verwandelten sich in ein harmonisches Gegenüber. Jene die ich sonst mit Argwohn betrachtete und mit Unverständnis begegnete, wurden mir mit jedem Schluck sympathischer und die Wirkung des Alkohols vermochte es, eine Brücke aus Wohlwollen und Verständnis in die Welt der Erwachsenen zu bauen.

Um die Pubertät zu überstehen und den vielen drängenden Fragen über sich selbst, der Gesellschaft und dem Leben aus dem Weg zu gehen wurde Alkohol sehr lange zu einem treuen Wegbegleiter.

In dieser Zeit lernte ich Margot kennen. Sie kam aus einer Unternehmerfamilie. Einem großen Handwerksbetrieb. Alle arbeiteten im Betrieb mit. Die Mutter versuchte den Regeln zu folgen und die Form zu wahren. Sie war ein schöne und stolze Frau. Der Vater Alkoholiker und Fremdgänger.

Margot war wenige Jahre älter als ich, sie hatte bereits ein Auto und ich konnte mich darauf verlassen, dass sie mich zu jeder Tages und Nachtzeit und in jedem erbärmlichen Zustand verlässlich wieder nach Hause brachte. Sie war immer nüchtern. Alkohol kam für sie nicht in Frage. Ihr Vater war schwerer Alkoholiker und für sie stellte sich jedes Heimkommen als große Gefahr dar. Nie wusste sie was ihr zu Hause blühte und wie sie die Mutter und die kleine Schwester vorfand. Schon beim Aufsperren der Eingangstür wusste sie, ob der Vater bereits im Hause war. Der abgestandene und durchdringende Wirtshausgestank aus verschütteten Bier, Wein, Schnaps und kaltem Rauch lagen schon im Vorraum schwer über alle Möbel und die Aggressionen des betrunkenen Vaters schwebten in der Luft. Selbst die Tapeten und Teppiche waren von den widerwärtigen Gerüchen getränkt und blieben ein Leben lang an ihr haften.

Mir schien, als dachte sie, dass bereits ein winzig kleiner Tropfen Alkohol sie in eine lebenslängliche Abhängigkeit bringen würden. Früh wusste sie schon, dass man mit Süchtigen und Abhängigen nicht reden konnte. Sie wusste, sie hören sie nicht. Nie machte sie einen Versuch jemanden vom Trinken abzuhalten und nie kam ihr ein Vorwurf über die Lippen. In ihrem weißen Ford Escort wurden die Wankenden, Taumelnden und Lallenden nach Dorffesten und Discoabenden verstaut und sicher nach Hause gebracht.

Als wir uns nach vielen Jahren wieder begegneten hatte sie sich nicht verändert. Sie war noch immer diejenige auf die man zählen konnte, auf sie war Verlass. In ihrer Gegenwart durfte man SEIN. Beim zufälligen Wiedersehen kam von ihr der Vorschlag mit Prosecco auf unsere alte Freundschaft anzustoßen. Die Sorge schon beim ersten Schluck in eine schwere Abhängigkeit zu geraden, schien überwunden. Aber ein Gläschen war genug. Bei ihr stellte sich nicht, wie bei mir, beim ersten Schluck, Leichtigkeit ein. Die Last der Vergangenheit war für sie zu groß.

Sie blieb auch als der Vater schon längst gegangen im Haus und war bis ans Ende die Wächterin ihrer Mutter.

© avadiva 2020-04-29

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