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#freiheit#lebensfreude#leichtigkeit

Verfolgungsjagd mit Rad

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Verfolgungsjagd mit Rad | story.one

Mein Mann findet meine neue Sucht etwas befremdlich und ist überaus verwundert, dass ich zum jährlichen Verwandtentreffen mit dem Rennrad fahren will. Das Ziel ist 60 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt und liegt auf einer Alm. Es sind somit auch einige Höhenmeter zu überwinden. Kopfschüttelnd verabschiedet er mich und gibt mir zwei sehr kleine Pflaster mit auf den Weg: "Zur Sicherheit", wie er meint.

Um in Stimmung zu kommen, gebe ich die Ohrenstöpsel rein, höre George Michael, bin bestens gelaunt und ab geht´s. Gleich zu Beginn meiner Ausfahrt, habe ich einige kleinere Steigungen zu überwinden, komm aber gut in Tritt und werde langsam warm. Bald geht es bergab und ich bin schon wieder dabei völlig abzuheben. Da überholt mich mit einem freundlichen "Griaß di" ein sportlicher Herr mit perfekter Ausrüstung und braust an mir vorbei. Kurzentschlossen und da ich mit Gegenwind zu kämpfen habe, beschließe ich, mich an den guten Mann dranzuhängen und den Windschatten für mich zu nutzen. Nach einigen Metern spürt er mich dicht am Hinterrad, dreht sich kurz verwundert um und ich merke wie er seine Trittgeschwindigkeit erhöht.

Ehrgeiz war in meinem Leben ein Begriff mit dem ich nie viel anzufangen wusste und seit jeher bin ich aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass ich keinem Menschen, außer mir selbst, etwas beweisen muss. Doch nachdem er schneller wurde, stellte sich bei mir ein so unbändiger Eifer ein und mein Streben war es, an ihm dran zu bleiben.

Zuerst wunderte ich mich über das mir völlig neue Gefühl des Ehrgeizes und dann wunderte ich mich, das ich es schaffte mit ihm mitzuhalten. Er reagierte nicht, trat mit seinem Tempo in die Pedale. Wir hatten wie mir schien, den gleichen Weg und so fuhr ich Kilometer um Kilometer wortlos hinter ihm her. Er sagte und fragte auch nichts. Manchmal gab er Handzeichen, solche wie sie unter Rennradfahrern in der Gruppe üblich sind.

Alles mögliche ging mir durch den Kopf und ich fragte mich selbst: "Was ist denn mit mir los? Woher kommt diese Ausdauer, diese Zielstrebigkeit, diese Ambitionen?" Das was sich da in mir regte war neu. Völlig neu. Und... auch nach Steigungen und erhöhtem Tempo gelang es ihm nicht mich abzuschütteln. Irgendwann drehte er sich um und fragte: "Wie weit und wohin fährst du?" Ich gab mein Ziel bekannt und er sagte: "ok, dann mal los!!" Auf einem verkehrsarmen Streckenabschnitt, kamen wir dann doch ins Gespräch. Wir unterhielten uns über Fahrtechnik, Trainingspläne, Ausstattung, sowie über das unglaubliche und erhebende Gefühl, das bei jeder Ausfahrt von dir Besitz ergreift. Freiheit und Leichtigkeit bringen es auf den Punkt.

Der letzte Abschnitt war steil und eine Unterhaltung war nicht mehr möglich, die Oberschenkel brannten und die Kraft ließ mit jedem Meter nach. Oben auf der Alm in St. Hemma verabschiedenden wir uns. Außer Atem stand ich da, überwältigt vom Ausblick, meiner eigenen Leistung und der Freude über den kurzen gemeinsamen Weg mit einem Fremden.

© avadiva 2019-08-26

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