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#mut#lebenslust#alkohol

Walter, der Alkohol und die Kunst

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Walter, der Alkohol und die Kunst | story.one

Als ich an diesem Donnerstag in Wien ankam, war das Wetter wesentlich besser als angekĂŒndigt. Ich wollte einen gebrauchten Volvo kaufen, nachdem vor einigen Tagen uns ein Taxifahrer mit voller Wucht erfasste und unseren Alten zur GĂ€nze zerstörte. Totalschaden.

Tags zuvor hatte ich Walter angerufen. Ich brauchte Rat, da eine Hamburger Galerie bei mir angefragt hatte und 6 Fotoarbeiten von mir in China ausstellen wollte. Walter war in der Kunstszene aktiv und auch international unterwegs. Wir hatten in frĂŒhen Jahren schon mal ein großes Projekt gemeinsam abgewickelt.

Gleich nach seinem Studium war er nach Wien gezogen. Er interessierte sich schon sehr frĂŒh fĂŒr Kunst und Design. Walter hatte Amerikanistik und Kunst studiert und fand bald einen gut bezahlten Job in einer Bank, in der er Kunstwerke ankaufte und Ausstellungen organisierte.

Er war der Cousin meines Ex-Mannes und durch die Trennung wurde der Kontakt selten und verlor sich nach und nach. Walter war ein Musterkind, ein MusterschĂŒler, ein Musterstudent. Bis zum Ende seiner Ausbildung bestand er alles mit Auszeichnung. Seine Mutter vergötterte und verherrlichte ihn. Sie legte ein sehr enges Band um ihn und schnĂŒrte es so eng, dass es fĂŒr ihn aus dieser Bindung ein Leben lang kein entrinnen mehr gab. Der Vater wurde aus diesem engen Kreis ausgeschlossen. Er war Beamter, ein Briefmarkensammler, einer der kein VerstĂ€ndnis fĂŒr die Kunstbegeisterung und die Designermode seines Sohnes aufbrachte. Die Mutter hatte jegliches VerstĂ€ndnis und vereinnahmte ihn zur GĂ€nze. Niemals sah man ihn mit einem Partner oder einer Partnerin. Er wirkte geschlechtslos und nach beiden Seiten hin neutral.

Als ich ihn kennenlernte war er 11, jetzt traf ich ihn im Alter von 47 Jahren wieder. Sein Gesicht war noch immer, das eines kleinen Buben der es allen recht machen wollte. Es war aufgedunsen und noch immer mit den tiefen Narben seiner frĂŒheren starken Akne ĂŒberzogen. Er wirkte frustriert und nach und nach erzĂ€hlte er, dass alles, was er sich vom Leben erwartet hatte, nicht eingetroffen war. In der Firma wird er gemobbt und nach der Coronakrise will ihn keiner mehr im BĂŒro sehen. Er ist auf Dauer im Homeoffice und sein Job wurde auf einen Halbtagsjob reduziert. Die Kunstprojekte die er neben seinem Halbtagsjob machen wollte bleiben aus. Hin und wieder ein paar Texte zum Übersetzen, ab und an ein kleiner Auftrag.

Nachdem er zu mir ins Auto gestiegen war, machte sich jener Geruch breit, der Menschen anhaftet, die ihr Alkoholproblem vertuschen wollen. Er hatte wohl schon am Vormittag zu trinken begonnen oder er hatte versucht den Restalkohol und das damit verbundene Unwohlsein mit einem Reparaturbier zu lindern. Meine Fragen bzgl. meiner Ausstellung kamen nicht zur Sprache, denn das ganze Elend seines Lebens ergoß sich in einem traurigen Wortschwall, auf der 2-stĂŒndigen Fahrt von Wien nach Graz, ĂŒber mich.

Nach der Ankunft in Graz kehrte er in den Schoß seiner Mutter zurĂŒck.

© avadiva 2020-06-20

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