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#liebe#hotel#kino

Ein Roman und die Erinnerung

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Ein Roman und die Erinnerung | story.one

Während ich lese, ploppen wieder mal Erinnerungen auf. Ist bei mir oft so. Und in der durch die Pandemie bedingten Zurückgezogenheit definiere ich Kino inzwischen anders, nämlich mit dem Auge der ErINNERungen.

Ich bin also vertieft in den Roman “Hôtel du Nord” von Eugène Dabit aus dem Jahr 1929. Erst vor einigen erschien auf er auch in deutscher Übersetzung. Das Ehepaar Lecouvreur kauft ein runtergekommenes Pariser Hotel am Quai de Jemmapes am Canal St. Martin. Darin wohnen Rollkutscher, Schauspieler, Marktbeschicker, Fuhrleute, Handwerker. Vorübergehend oder als Dauergäste. Auch Paare ohne Trauschein. Alles kleine Leute, die meisten mit großem Herz. Sie arbeiten hart, ihre Tätigkeiten geben den Takt ihres Alltags vor. Entspannung und Belohnung bietet oft der Alkohol. Im Schankraum des Hotels kommen sie zusammen. Das Ambiente ist einfach und leidlich sauber. Das Haus wird jedoch mit Hingabe geführt. Leben und leben lassen. Der reale Sohn der Eigentümer Eugène beschreibt, ohne zu werten, Episoden, die sich zwischen den Bewohnern zutragen. Kleine Geschichten wie Perlen.

Während der Lektüre erscheint in meinen eigenen Assoziationen zum Hôtel du Nord wie durch einen Nebel eine Episode mit Sören. Es mag 1986 gewesen sein, Ende November oder Anfang Dezember. Wahrscheinlich hielt ich mich bereits in Paris auf, als Sören auf seiner XT kam, um mich zu treffen. Wir als junge Verliebte hatten eine romantische, sicher vom Kino beeinflusste Vorstellung von der Stadt und wollten uns dieser hingeben. Montmartre in Schwarz-Weiß. Das Pflaster in den schmalen Straßen spiegelt dunkelgrau vom Nieselregen das funzelige Licht der Straßenlaternen wider.

Tatsächlich war es so. Genau so schön! Wir verbrachten ein paar Tage in einem einfachen Hotel. Ein schmales Haus mit Zimmern verteilt über einige Etagen. Das Hôtel du Delta in der Rue Rochechouart ähnelt in meiner Erinnerung der Beschreibung von Eugène Dabit. Knarrende Holztreppen, Sprossenfenster, durchgelegenes, aber sauber bezogenes Bett; hinter einem Paravent, sichtgeschützt, Waschbecken und Bidet. Pigalle ist ja quasi um die Ecke.

Wir fühlen uns gleich wohl in dem schummerigen Zimmer und kommen bis zum nächsten Morgen nicht mehr aus den Kissen. Vor unserer Tür steht ein Tablett mit Kaffee, Croissants und Marmelade bereit. Nicht üppig, gleichwohl très français. Wir fühlen uns ein bisschen wie Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo in “Außer Atem".

Stundenlang flanieren wir ziellos durch Montmartre, kehren ein in Brasserien und kleine, günstige Restaurants und sind uns selbst genug, daher zufrieden mit allem. Auf den Treppen zwischen den Gassen bleiben wir manchmal stehen, um uns zu küssen.

Als wir auf der XT zurück nach Deutschland fahren, schneit es. Die kalten Stunden ziehen sich endlos und wir frieren beinah fest auf dem Bock. Trotzdem sind wir glücklich.

© Beate-Luise 2021-05-03

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