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#begegnungen#menschenverbinden

Auf dem unfruchtbaren Boden einer Festwiese

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Auf dem unfruchtbaren Boden einer Festwiese | story.one

Wo sonst, wenn nicht auf der Alten Festwiese, gäbe es einen treffenderen Platz für das Tübinger Sommertheater 1996 des Melchinger Theaters Lindenhof »Und die Liebe höret nimmer auf«? Dort, wo von jeher Kirmesmusik schallt, wo Volksfeststimmung Budenzauber vorgaukelt, wo das Glück mit Nieten erkauft wird, wo abgeschossene Rosen die große Liebe verheißen, wo der Duft gebrannter Mandeln den ätzenden Geruch des bedrückenden Alltags aus der Nase kitzelt … also dort, wo uns der Rummelplatz den Rausch der Illusion verspricht.

Das Publikum, lechzend nach Ablenkung vom Alltag, tummelt sich im Spektakel vergeblicher Sehnsüchte. An den Schieß- und Wurfbuden tobt es sich aus. Rollt grüne und gelbe Zettel auf, Nietenblätter, die, wenn das Glück es will, einen kleinen Trost spenden. Dreht sich im ewigen Kreis des Kettenkarussells. Lacht überzogen im Spiegelpanoptikum, vor sich selbst. Fühlt sich im Kokon des Zuckerwatteschleckens … Es gibt sich der Seifenblase hin, das Leben ist eine Festwiese, ein Jahrmarkt der Luftballons, die in Tristesse zerplatzen.

Dann schlagartig Stille, ungewohnte Stimmen … die Musik schweigt. Zwei Menschen, sie nennt ihn Kasimir, er ruft sie Karoline, prallen aufeinander − sie streiten, prügeln sich mit Worten, beide in ihrem Kosmos gefangen. Er nicht mehr nüchtern … Zorn, Kränkung. Sie verbittert, gehässig … Wut, Trauer. Das Publikum erlebt zwei Menschen, die unfähig sind, aufeinander zuzugehen, obwohl sie sich lieben.

Karoline und Kasimir − von Liebe und Hoffnung verlassene Menschen, die um ein besseres Leben buhlen. Die schweigen, wenn sie miteinander sprechen sollten. Die brüllen, wenn sie besser den Mund halten sollten. Szenen einer Beziehung voller Sehnsucht, und doch voller Verlogenheit. Beide unfähig, einander zu vertrauen − sie haben verspielt. ›Man hat halt so eine Sehnsucht in sich‹, eine Sehnsucht nach ›Und die Liebe höret nimmer auf‹. Das Publikum wird betroffener Zeuge: Liebe lässt sich nicht erzwingen, lässt sich nicht machen, nicht ausüben … und schon gar nicht findet sie sich in der grellen, lauten Illumination eines Jahrmarkts der Eitelkeiten.

Licht an, Lärm an … Pause. Stimmungsaufheller fürs Volk: Tandler kommen mit scheppernden Palettenwagen − Getränke gibt's, Wasser, Brause, Limo. Krämer schieben Holzwagen, wie man sie von früher auf Bahnhöfen kannte, vor sich her − preisen lautstark heiße Würstchen an, den Senf gibt das Volk dazu, im Gespräch mit den Schauspielern, die jetzt Schausteller spielen. Marketenderinnen mischen sich dazwischen − in ihren Bauchläden lockt Eis am Stiel. Trödler bieten gebrannte Mandeln, Honigbrot, Schokobananen, Liebesäpfel, Jahrmarktherzen …

Das Ende vom Spiel: Karoline und Kasimir gehen getrennt von dannen, das Publikum mit dem Gefühl, das Leben findet draußen statt, nicht auf einer Schmetterlingswiese. Ödön von Horváth gönnte dem Stück kein Happy End − die Wunde der Abhängigkeit von Schein und Sein bleibt ungeschützt offen.

© Bernd Lange 2022-02-18

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