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#reisen#poesie

Aus Träumen in deren Verwirklichung

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Aus Träumen in deren Verwirklichung | story.one

Wo der Weg aufhört, fängt das Meer an; wo das Meer aufhört, fängt der Himmel an … drei Schritte hinter dem Horizont bist du angekommen.

Der Wind fährt unaufhörlich durch die Palmen, schaumgekrönte Wellen schlagen an den ausgebreiteten Strand. Belebende Wellen, die dich in eine unendliche Zeitlosigkeit bewegen. Hinterrücks lässt du dich in den weichen Sand fallen. In dir bewegt sich das Bedürftige, das du selber bilden kannst – in der Gelöstheit wird deine Leere erst richtig spürbar. Mit jeder Welle fühlst du, wie sich dein Inneres füllt. Pa mannié moin, sagen sie hier auf Guadeloupe, sich fallen lassen auf kreolisch.

Dein Kopf liegt in deinen Handflächen, Kokosnuss in der Schale, bis er tief in deiner Berührung ruht. Vor dir ein glitzernder Strand, Muschel-Schnecken-Kiesel im ewigen Wachsen. Deine Augen schweifen über die auf- und abschwingende Saumlinie der Wellen, die hier stranden. Du entdeckst winzige Schnecken, wunderschön gemusterte Schalenstücke, Muschelhälften, Korallenästchen, Krabbenpanzer … Angeschwemmte zinnoberne Krebsenfüße im weißen Sand, goldgelb bis ocker je nach Feuchtigkeit – der Strand vor deinen Füßen eine Schatzkiste, gefüllt mit abgesplitterten Behausungen unzähliger Lebewesen im Meer. Ausgespuckt an den Saum der maritimen Welt – der Sand ein Rieselfeld, das Schätze von Schneckenherrlichkeiten sammelt.

Im nicht enden wollenden Wechselspiel der Wellen zwischen Ebbe und Flut, in denen Strömungen und Strudel dich mit magischem Sog in grundlose Sphären reißen, sind deine Wahrnehmungen noch nicht durch Gewohnheiten abgestumpft. Was du siehst, aber dennoch unbegreiflich begrifflos bleibt, erscheint wie eine herrliche, buntschillernde Pracht, die stumm ist, stumm wie die Fische – und dennoch verstehst du ihre Sprache.

Eine Windweite nur ragen Felsen aus dem Sand, an denen die Wellen abenteuerlich branden, kraftvoll, spritzend, manchmal wütend, dann wieder zärtlich streichelnd. Weiter oben, wo dem Meer bei Ebbe der Mut zur Verschmelzung fehlt, sonnt sich zurückgebliebenes Wasser in weiblichen Vertiefungen. Du sitzt auf einem gestrandeten Baumstumpf, schlürfst aus einer Kokosnuss. In ausgetrockneten Astlöchern schimmert splitterweise geschleustes Schildplatt-Perlmutt-Glimmer.

In kleinen, glattgeschliffenen Aushöhlungen der geduldigen Felsen entdeckst du in Meersalzkristallen die Hirnschalenhälfte einer Languste, feurige Venusmuscheln von der Größe einer Fingerbeere, haariges Pflanzenleder in Halbrundformen. Ein Zuckerrohrstrunk steht wie eine versteinerte Statue in einer schmalen Felsspalte, Kokosnussschalen, schwarz wie Hirschkäfer, langweilen sich neben ausgetrockneten Krebsen, durchsichtig-blasse Vergänglichkeit.

Durch die Finger rinnt dir der Sand, der von vielen unterlassenen Berührungen deiner Haut lebt. Und du siehst das weiße Segel, das den Horizont unterbricht. »Hier«, sagte Gauguin, »fand ich zu mir selbst«. Ich folge ihm.

© Bernd Lange 2021-04-08

fremdeweltenReif für die InselTraumzeitPOESIE eines Moments

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