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Der immer gleiche Klang der Insel

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Der immer gleiche Klang der Insel | story.one

Noch auf dem Deck der Fähre, die mit einer gekonnten Kehrtwende im engen Hafenbecken sämtliche vertäuten Fischerboote mächtig ins Schaukeln bringt, verfolge ich die auch hier oben nicht zu überhörende Ape, die Massimo grundsätzlich auf den streng verbotenen Abstellplatz im Chaos des Hafenareals jongliert und mit einem gewagten Hüftschwung, vorne einbeinig, hinten o-beinig, zum Stehen bringt. Sein perfekt inszenierter Auftritt vor der romantischen Kulisse des kleinen Hafenortes auf der idyllischen Insel in den Wellen des Tyrrhenischen Meeres.

Vor einigen Jahren hat Massimo sie neu lackiert, seine Lebenspartnerin, wie er seine Ape nennt, in einem undefinierbaren Blau – blass wie ein blassblaues Veilchen, milchig wie ein milchigblauer Himmel, verwaschen wie eine verwaschenblaue Jeans. Er schwört darauf, dass es die Originalfarbe ist, mit der etwa Ende der 1940er Jahre die ersten Ape überhaupt das Licht der Welt erblickten.

Kaum habe ich die Fähre verlassen, entsteigt Massimo dem Vehikel. Was heißt entsteigt?! Trotz seiner gerade mal Einssechzig quält er sich aus der einsitzigen Kabine seiner Ape, erhebt sich gebückt von seinem Holzsitz, damit er mit seinem Schädel nicht am Wagendach aneckt, zieht gewaltig seinen kugelrunden Bauch ein, um am Steuer, das aussieht wie eine Mischung aus Fahrradlenker und Steuerknüppel der legendären Junkers F 13, ohne Quetschungen vorbeizukommen, dreht sich, nachdem er die linke Tür nach vorne hin geöffnet hat, zur Seite, damit seine Beine so baumeln können, dass er mit einem kleinen Sprung vom Sitz mit den Füßen direkt zum Stehen kommt. Was natürlich nur klappt, wenn er sich mit der linken Hand an der hinter seinem Führerstand befindlichen seitlichen Klappe der Ladefläche abstützt.

Das alles geschieht mit einer bemerkenswerten Schnelligkeit, einer über Jahre hinweg erlernten Präzision und Sicherheit, um dann in wenigen Schritten mit weitausgebreiteten Händen auf mich zuzupflügen. Hände? Herrlich, wie er da angerudert kommt, mit diesen Pranken, die gut und gerne dem Umfang einer Straßenpizza entsprechen und an seinen Stummelarmen baumeln.

Ein kleiner Tanz auf der Hafenmole: Massimo haut mir seine Pranken eins ums andere Mal auf die Schultern ... na ja, nicht ganz, sie bleiben etwa in Höhe des zweiten bis dritten Brustwirbels hängen, höher schaffen es seine Arme bei meiner Körperlänge von Einsachtundachtzig nicht. Nachdem alles besprochen ist, was ich zum weiteren Verlauf meiner Reise wissen sollte, wischt sich Massimo zur Bestätigung, dass er eine gute Arbeit geleistet hat, seine wuchtigen Hände auf der hinteren Stofffläche seiner voluminösen Latzhose ab.

Massimo bringt mich, wie immer schon, zu seinem kleinen Appartement, das ich für die kommende Zeit auf der Insel beleben darf. Er, vorne, in seinem Cockpit. Ich, hinten, auf der Ladefläche zwischen zwei Säcken Zement und seinen Schaufeln und Brecheisen, die nach hinten raushängen, parallel zu meinen Beinen.

© Bernd Lange 2020-09-18

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